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Siegfried Löwy: Ein Totenschein für die Lyrik

Autopsie und Beatmung

"Wer von so hoch zu Boden blickt,
der sieht nur Verarmten/Verirrtes.
Ich sage: wer Lyrik schreibt, ist verrückt,
wer sie für wahr nimmt, wird es."

PETER RÜHMKORF


Oh, hätte ich tausend Zungen, dich aber und aber Lobzupreisen, eine Ode dir zuzueignen und dir minniglich zu schenken mein Herz! O Gedicht, du schattenhaftes Gebilde glutbebender Nacht, welchen noch dem verzagtesten ein melancholischen Lächeln auf die Lippen zaubert, den Liebenden aber schier überfließen läßt die Freude zweisamen Erlebens, so doch auch revoltierender Gewalt verschlagene Kerkermeister dem rächenden Giftatem des Wutwallens anheim stellt, gleichwie ein apokalyptisches Flammenmeer zu entfesseln vermag!

Zu dumm nur, ja geradezu verhängnisvoll scheint es da, daß nun eigentlich niemand Gedichte/Lyrik/Poesie liest - vielleicht mal abgesehen von einigen übersinnigen germanistischen Vollwaisen, denen als belächelten Fossil noch ein zweifelhaftes Überleben gewährt wird; - und freilich den DichtkünstlerInnen selbst, denen nächtliche Seelenausschüttung erlaubt scheint. Doch dazu später.

Ist es allein der "technokratische Faschismus" (Z. FROMM), der die Menschen zu Bildschirmtext und Illustrierten-Schaumschlag sich wenden läßt? Ist es die Vereinfachung eines überreichen Freizeitangebots schlechthin, welche die exemplarische Feststellung dieses Hamburger Buchhändlern evoziert: "Wir selbst führen ja schon seit lange keine Lyrik mehr; die Nachfrage ist gleich Null; das Interesse hat sich ganz auf Soziologie und Politologie verlagert."?

- Kaum mehr als ein Erklärungsansatz.

Theater- und Opernbesuch schließlich halten unvermindert an, zumal dort immer mehr Reizstoff sich entfaltet. Gleichwohl: Ein Billett zum Ring der Nibelungen und eine Bemerkung über das hohe c der Sopranistin ("superb") leuchten prestigeträchtig, wogegen der Erwerb einen Trakl-Gedichtbanden allenfalls als origineller Exzentrikakt zu Buche schlägt.

- Wenig also der fortlaufende Primitivismus in Freizeitleben und - sic! - Sprachverhalten; wohl kaum auch das Wort den Frankfurter Moralisten THEODOR W. ADORNO, nach Auschwitz könne man keine Gedichte mehr schreiben. Vielmehr scheint es mir der interpretatorische Impetus zu sein, der die Poesie offenbar auf allen Wegen begleitet. Die ebenso profane wie teuflische Frage "Was will uns der Autor damit sagen?", für deren Lösung die Schulweisheit tatsächlich Patente zu besitzen glaubt, muß jedes Lustgefühl in Kotzreiz verwandeln und kippt alles, was dieses literarische Kleinod bedeuten mag, - "Ein Lufthauch? Eine Verführung? Ein Versprechen? Ein freies Feld? Ein Spiel?" (A. THALMAYR) - in die didaktische Klärgrube. Dies wird weder dem Dichtwerk, noch dem Dichter gerecht.

"Dichtung ist Ausnahmezustand und wird es immer bleiben, und die erste notwendige Voraussetzung für das Entstehen von originellen Versgebilden ist eine eigentümlichverrückte Schiefstellung zur Welt, gemeinhin als neurotische Verkantung zu besichtigen." (P. RÜHMKORF)

Dort sollen wir bis aufs Gebein vordringen?, die "Angst- und Zwangsanfechtungen" (EBO.), das "Gleiten und Gleißen zwischen Melancholie und Zynismus" (A. SCHEFFLER); den "ewigen Narzißmus" (A. THALMAYR) schematisch aufdröseln? NE JAMAIS!

Mitunter können Sätze wie "Wo frühstücken heute die Hungerstreik-Leute?" (F.M. WEBER) lyrische Bedeutung gewinnen, ganz abgesehen von der Volks- und Werbepoeterei ("So nötig wie die Braut zur Trauung, ist Bullrich-Salz für die Verdauung.") Aber nehmen wir die Verblödungsstrategie der Werbebranche lieber zum Anlaß, uns an die Schönheit der Sprache, ihre Ausdrucksfülle und Eindrucksvielfalt zu erinnern.

Copyright: Siegfried Löwy

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:10
erstellt von jero
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Vorrede
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