Heinrich Muoth: Über Vernunft und Gefühle
Gefühle sind wie die Flut
und die Vernunft wie eine Schleuse
läßt sich die Schleuse
nicht mehr öffnen
verdurstet man
läßt sie sich nicht mehr schließen
ertrinkt man
Einer sagt:
Gefühle behindern den Verstand
sie hemmen, blockieren, zerstören
die Vernunft.
Trotzdem ist das Image von Gefühlen
besser, als das des Verstandes,
denn Gefühle hat jeder.
Gefühle sind wie Straßen
und die Vernunft wie Wegweiser
folgt man ihnen
wandelt man auf ausgetretenen
langweiligen Pfaden
ignoriert man sie verirrt man sich

Einer sagt:
Das Gefühl tötet die Vernunft.
Die Vernunft tötet das Gefühl.
Es ist wie der Kampf von ewigen Feinden,
der von Elementen oder Ideologien.
Allein der Unterschied ist,
es gibt keinen Sieg, nur Verlust.
Gefühle sind wie Feuer
und die Vernunft wie Wasser
entweder löscht das Wasser
das Feuer
oder das Feuer verdampft das Wasser
Einer sagt:
Gefühle wohnen im Bauch.
Je dicker der Bauch, desto mehr Gefühl.
Hunger ist auch ein Gefühl.
Je mehr Gefühl, desto weniger Vernunft.
Essen ist unvernünftig.
Verhungern ist hochvernünftig.
Die 3./4./5. Welt sind die vernünftigsten.
Die anderen fühlen für sie mit.
Gefühle sind wie Schraubzwingen
und die Vernunft sind die Schrauben
zieht man sie zu eng
wird man zerdrückt
läßt man sie zu locker
verliert man jeden Halt

Einer sagt:
Gefühle sind das vernünftigste, was es gibt.
Die Vernunft ist das intensivste Gefühl.
Das Gefühl beherrscht die Vernunft.
Und die Vernunft bestimmt das Gefühl.
Allein vernünftig ist, was man fühlen kann.
Gefühle sind wie die Flut
und die Vernunft wie eine Schleuse
läßt sich die Schleuse nicht mehr
öffnen verdurstet man
läßt sie sich nicht mehr schließen
ertrinkt man