Johann Tobias Schmitt: Jahreszeiten
Als der Frühling
vor der Tür stand und klingelte, sagte Opa zu Muttchen: "Muttchen, kuck doch mal, wer da klingelt." Muttchen linste durch den Türspion, huschte zurück ins Wohnzimmer und flüsterte: "Opa", flüsterte sie, "Opa, der Frühling steht vor der Tür." Opa schlüpfte in seine Pantoffeln und erhob sich aus dem Sessel. "Muttchen, du sagst mir dann bescheid, nicht?", sagte er. Muttchen sagte: "Aber ja doch." Opa holte aus dem Flurschrank seine leichte Hausjacke, zog sie an und ging in den Keller. Im Vorratsraum kletterte er in das große Regal mit dem Eingemachten, legte sich hinter die Erdbeermarmelade und schlief ein.
Meine Nachbarin
sieht genauso ekelerregend aus wie der Boxer, den sie jeden Abend Gassi führt. Führte. Hängebacken, Doppelkinn und dabei so drall in ihrem Fähnchen, daß man mit der Nadel hineinstechen will, und ich bin mir sicher, sie würde platzen wie eine Gummipuppe. Der Köter scheißt jeden Morgen und jeden Abend direkt vor unsere Hoftür. Schiss. Heute ging ich mit einer kurzen Hose an und sonst nichts in den Park und wieder zurück, barfuß. Die ganzen Tage schon ist es so heiß, und natürlich bin ich dann reingetreten mit dem rechten Fuß in diesen butterweichen Scheißhaufen, bis zu den Knöcheln. Die Fliegen stoben auf und ich humpelte auf dem linken Bein, den rechten Fuß, notdürftig gereinigt, stinkend in der Luft, die Treppe hoch zu meiner Wohnung. Als ich gerade aufschloß, kam sie aus der Tür, mitsamt ihrer Töle zum Abendschiß. Ich sagte ihr, daß der Hauswart sie sprechen wolle. Sie wollte mit dem Hund nicht zu ihm, ob ich ihn nicht für einen Moment? Ich nahm das Scheißvieh mit in meine Wohnung und holte die vergiftete Wurst aus dem Kühlschrank. Während der Boxer sabberte und schmatzte, wusch ich mir endlich den Fuß. Danach nahm ich meinen Werkzeugkasten und das tote Tier, ging nach gegenüber und nagelte es an die Wohnungstür meiner Nachbarin. Da hing es nun wie Jesus himself. Zufrieden ging ich in meine Wohnung zurück und wartete ab.

Es klingelte, vor der Tür stand meine Nachbarin, verheult. Sie warf sich mir an den Hals, heulte weiter, erzählte irgendwas wie im Schlaf. dann kam sie wieder zu sich. Aggressiv starrte sie mich an, immer noch ihre Arme um meinen Hals, und murmelte lüstern obszöne Worte. Sie drückte ihren drallen Leib an mich, stammelte "ficken" und so was, drängte mich zu meinem Bett. Mit Mühe konnte ich mich aus ihrer Umklammerung befreien und sie mit sanfter Gewalt zur Tür hinausschieben. Ich legte die Kette vor. Das war mir dann doch zu pervers.
Eigentlich sollte eine Katze
im Herbst keine Jungen kriegen. Herbstkätzchen sind, wachsen sie in der warmen Stube auf, ewig verfroren, verzärtelt, und sitzen bis zu ihrem Tod nur hinter warmen Öfen. Herbstkätzchen, werden sie draußen groß, werden im Wind von bunten Blättern getroffen unter zerrissenem Himmel; Herbstkätzchen, werden sie draußen groß, im Novemberregen, -nebel, im eisigen Winter, sind zeit ihres Lebens angeschlagen, angefroren. Herbstkätzchen taugen nicht fürs Leben. Weil wir das wissen, stecken wir sie, noch blind, in einen Sack. Den legen wir, mit einem großen Stein beschwert, in einen Zuber voll Wasser.
Wie Herr K. sich den Zeh brach
In diesem Winter hing Herr K. eines Sonntagmorgens steifgefroren im Kirschbaum vor dem Küchenfenster. Frau K. war ärgerlich. Sie sperrte die beiden Kleinsten im Haus ein und machte sich mit Ihrer Ältesten daran, ihn abzuschneiden. Die Tochter kletterte auf die Leiter und durchtrennte das Seil mit dem Beil.
Herr K. fiel wie ein abgeschlagener Eiszapfen zu Boden, dabei brach er sich den großen rechten Zeh, die Schuhe standen nämlich am Fuße der Leiter. Herr K. fiel also senkrecht zu Boden, brach sich also den Zeh, stand ganz kurz wie eine Ballerina aufrecht da, auf gebrochenem Zeh, dann fiel er um. Beim Aufprall klirrte er. Frau K. entschied, heute auf den Kirchgang zu verzichten. Sie überlegte, wozu sie, wo er doch jetzt tot war, überhaupt noch einen Gott brauchte.