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Carlo Kienast: Kackvogel des Monats

Heute: Mathias Richling - Kabarettist fürs gesunde Volksempfinden

Das Publikum: noch ekliger als bei Konstantin Wecker, aber doch anscheinend niveauvoller als bei Rudi Carell. Nervensägen und Kotzbrocken: Schulkinder aus der Pfalz, die sich um die Sitzplätze streiten, eine Reihe Wasserstofflockentussies mit braunverschmierten Dutzendgesichtern, Wilmersdorfer Ehepaare auf Fortbildung, der linksliberale Studienrat von nebenan. - und ich.

Der Veranstaltungsort: Die Wühlmäuse in Berlin.

Wer war da? Mathias Richling: "Was ich noch vergessen wollte..."

Am liebsten würde ich ganz wohlwollend sagen: Richling, du hast dich einfach übernommen. Wenn du Ernstes von dir gibst, dann klingt das wie ein philosophierender Dorfschullehrer, der Peter Handke nachmachen möchte. Und dann könnte ich noch sagen: Richling, warum denn die ganze Zeit und immer wieder, bis es einem zu den Ohren herauskommt Helmut Kohl, Kohl, Kohl? Aber da fängt's schon an, da hört das Wohlwollen auf: Dankbar grölt das Publikum und schlägt sich auf die Schenkel bei jedem noch so flauen Seitenhieb auf unser aller Kanzler. Richling goutiert das, dehnt die Pointen und wiederholt sie: Er kriecht seinem Publikum in den Arsch.

Eineinhalb Stunden lang geht es um den Deutschen und das Deutsche, um Verdrängen und Vergessen. Da darf zwischen Ozonloch und Tschernobyl natürlich auch die Nazizeit nicht fehlen, und was wäre einfacher als vom Massenmord an den Juden kurz durchzustarten zu einem kleinen Exkurs über Israel und den Juden als solchen. Die beliebte Kabarettistenassoziationskette: Deutsche - Nazis - Juden - Israel - Palästinenser, und "die Juden" hätten Ihr eigenes Schicksal wohl auch vergessen und so weiter blubberblubber: Man kennt das. Mathias Richling sagt es uns, nein, er prügelt es mit dem Holzhammer in unsere Köpfe: Daß "die Juden" ja auch nicht besser sind. Dieser Satz wird erläutert und abgewandelt. Richling setzt immer noch einen drauf, versucht's mal belehrend, mal komisch: Und die Zuhörer ejakulieren ganzöffentlich ihr unglaublich dreckiges Lachen - was der sich doch für Zoten traut!

Und dann geht - nach einem etwas besinnlicheren Schluß - das Licht aus und das Publikum trampelt und klatscht völlig unvermittelt, wie auf Knopfdruck, rhythmisch und fanatisch los, und - Augen zu! - die Stiefel marschierender Soldaten auf Asphalt.

Richling, was ist bloß aus dir geworden: Ein Stammtischkomiker mit Anflügen von Tiefsinn, der sich selbst vor dem ganz alltäglichen antisemitischen Einschlag nicht scheut, wenn das verspießte Publikum bloß lacht, - denn unerschrocken muß er sein, der Mann. der nach oben will.

Copyright: Carlo Kienast

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero
Nummer 00
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Vorrede
Dr. Hannes Jensen: Lebenshilfe Hans Duschke: MehlbeutelIn des Monats Kvara Bistroj: Die Salbader.- Worterklärung Selen Telesz: Fernsehn? Ich tu's! Carlo Kienast: Kackvogel des Monats Theodor Honnung: Die Liste Kvara Bistroj: Der kalte Arsch des Monats Siegfried Löwy: Plädoyer für den Reim Tristan von Sinnen: Locus amoenus Hans Birger: Der Liebesbrief Johanna B.: Strahlen vor Glück Andreas Scheffler: Kopfstand Anna Risol: Frau Z. Johann Tobias Schmitt: Neue Schuhe Johann Tobias Schmitt: Wieso mein Vater Heinrich Muoth: Sätze und Aphorismen
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge III/1
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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