Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 00/1989 Siegfried Löwy: Plädoyer für den Reim
Artikelaktionen

Siegfried Löwy: Plädoyer für den Reim

Gebt mir Leim nur, denn zum Leime
Find ich selber mir schon Holz!
Sinn in vier unsinn'ge Reime legen
- ist kein kleiner Stolz!

Friedrich Nietzsche

Mit zunehmender Not beobachten wir das Heraufbrechen nicht nur des lyrischen Kollapses, sondern auch und ganz besonders der Grablegung des Reims. Wo das Produzieren von Versgebilden schon ohnehin als unseriös gilt und sich angesichts brotloser Wolfsexistenz zwangsläufig nur eine elitäre Gruppe mit dieser Kunst beschäftigt, gilt der Reim nunmehr als angegilbtes Rührstück, welches als ungenehme Erbmasse der alten Recken erscheint. Im Zuge progressistischer Lyrik-Entäußerung hat er keinen Platz gefunden, und nichts dünkt den AkteurInnen verdächtiger als ein gereimtes Dichtwerk.

Illustrationen von Marion Leupelt

Das ist freilich nicht neu: Ein krasser Irrtum ist es, anzunehmen, daß in früheren Zeiten Reim und Poem unverbrüchlich eins waren. Als Johann Jakob Bodmer tobte, der Reim sei "ein kahles hohles Geklapper gleichtönender End-Buchstaben, welches uns von der barbarischen Poeterey unserer Alten angeerbt ist", schrieb man das Jahr 1722. Wenn heute aber gleichlautend getönt wird, geht es wohl weniger um Generationskonflikte, als um den Fortwurf formaler Klammern und nicht zuletzt um neuernde Originalitäten, die schmale LeserInnenschaft zu fesseln. Schließlich auch haben wir es in diesen Tagen mit Dichtwirkenden zu tun, welche angesichts der allgemein allgewaltigen Konfusion sich keinen Reim mehr machen können und wollen. Doch eingedenk der weinerlichen Minimalismen eines Hans-Curt Flemming oder der dumpfen Metaphern einer Paula Ludwig die Reimstrophe als unmündig hinzustellen, scheint mir doch ungehörig dreist.

Was, zur Hölle!, ist schon gar gegen tatsächlich juvenile DilletantInnen zu sagen. die - den großen Meistern zu gefallen - den Reim als axiomatische Notwendigkeit / als unabdingbare Klebmasse betrachten?

Nichts!, denn erstens müssen wir anerkennen, daß der Mensch offenbar ein äußerst sensitives Empfangszentrum für solcherlei Gebilde hat (die im übrigen nichts als Wiederholungen sind). Die ersten Lautäußerungen sind nicht von ungefähr "Mama", "Lala", "Nana", usf.; die Reimlust setzt sich auch später fort in Schmähversen wie "Angsthase - Pfeffernase" oder Despektierlichkeiten wie "Goethe spielt Flöte - auf Schiller sei'm Triller"; der Stabreim von "Marilyn Monroe" bis "Titel - Thesen - Temperamente" - wird wohl ewig überleben, und nicht aus reinem Übermut wird mittels Gereimten geworben ("Beim Ja-Wort schweigt die junge Braut, weil sie noch schnell ein Paech-Brot kaut").

Zweitens aber halten wir den Reim für ein außerordentlich geeignetes Lehrinstrument hin zu ausgefeilterem Sprachgefühl und -vermögen. Freilich sollte nach Abschluß der Lehrjahre seine Verwendung inhaltliche Gründe vorweisen können. Der Reim geht nämlich jederzeit im Bund mit einer aufgegangen blumigen Spiellust und -leidenschaft. Setzen wir die Welt durch die Reimpforte ins Augenmaß, so erschließt sie sich uns gleich in einem ganz anderen Aggregatzustand, namentlich dem des Unernstes.

Nun mögen ad exemplum unsere Trakl-Freunde/ Brentano-Freundinnen aufseufzen und sagen, daß es doch wohl kaum etwas Tief-Trauriges gibt als jenes (tatsächlich wunderschöne) Melancholie-Geschriebene. Doch "Selbst dann, wenn man aus den Reibgeräuschen einer Mesalliance schon das Knirschen der Weltenesche, Ächzen der Höllenpforten herauszuhören meint, nimmt man es doch mit einem niederträchtigen Lustempfinden zur Kenntnis." (P. Rühmkorf) Wo mehr und mehr von und mit Entfremdung geredet wird, muß der Reim als einer ihrer kapriziösesten Fürsprecher gelten.

Gleichzeitig ist Originalität und gespannte Erwartung verlangt; Paare wie "Herz-Schmerz" und "Liebe-Triebe" haben im heutigen Gedicht nichts verloren (- es sei denn zum Spaß). Denn jene bis zum Gehtnichtmehr vorgeführte Kasteiung der Ebenmäßigkeit im formalen Kerker gerät unvermittelt und mächtig ins Wanken, wenn plötzlich bspw. "Bommerlunderpflaumen" auf "Korkenzieherdaumen" trifft.

Der Reim - "ein post-postmodernes Wagnis" (A. Scheffler): gewiß. Doch es wäre ein Jammer, wenn dieser "Showfreak an Disproportion" und "Ausbund an Ausgleichsvermögen" (P. Rühmkorf) dem hiesigen Literaturleben entstürbe.

Copyright: Siegfried Löwy

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero
Nummer 00
Titelbild
Vorrede
Dr. Hannes Jensen: Lebenshilfe Hans Duschke: MehlbeutelIn des Monats Kvara Bistroj: Die Salbader.- Worterklärung Selen Telesz: Fernsehn? Ich tu's! Carlo Kienast: Kackvogel des Monats Theodor Honnung: Die Liste Kvara Bistroj: Der kalte Arsch des Monats Siegfried Löwy: Plädoyer für den Reim Tristan von Sinnen: Locus amoenus Hans Birger: Der Liebesbrief Johanna B.: Strahlen vor Glück Andreas Scheffler: Kopfstand Anna Risol: Frau Z. Johann Tobias Schmitt: Neue Schuhe Johann Tobias Schmitt: Wieso mein Vater Heinrich Muoth: Sätze und Aphorismen
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge III/1
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Was die anderen schreiben
Impressum
Mehr…
 

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: