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Hans Birger: Der Liebesbrief

Jetzt liest sie deinen Brief. Du weißt es genau: Sie sitzt nebenan, die Füße hochgestellt und beginnt zu lesen. Sie ist so begierig, sie konnte es kaum erwarten, deine Gedanken und Gefühle in die Hand zu bekommen.

Und dein Brief, er ist fast wie eine Liebeserklärung. Nur das Lobende. Daß sie so klug sei, du kannst von ihr lernen, so praktisch, begabt, wie011-1 leicht ihr anscheinend alles falle, und auch wie wild sie sei, zwar komme sie aus dem Norden, aber sie sei wie ein Raubtier, so weich und so warm, und daß du nicht auf die Qual verzichten möchtest, in ihren tiefen grünen Augen zu versinken, alles steht drin.

Wer liebt, ist in der schlechteren Position, rein taktisch. Du liebst nicht. Das ist kein Anlaß zur Freude, nur eine Feststellung. Nun liest sie und glaubt an deine Liebe zu ihr. Dir soll's recht sein. Deine egoistischen Überlegungen, die Marktwirtschaft deiner Beziehungen zu ihr, so etwas schreibst du nicht auf, du wagst es ja kaum zu denken.

Dann kommt sie herein. Scheinbar sitzt du am Schreibtisch und arbeitest. Leg den Stift aus der Hand, und sie tritt hinter dich und umarmt dich. Dir ist heiß. Du hebst den Kopf, wie um zu sehen, wer es ist. In Wahrheit aber, um ihr deine Lippen zum Kuß zu bieten. Sie küßt. Sie sagt kein Wort. Du streckst die Hände hinter dich und greifst nach ihren Beinen. Du fährst ihre Schenkel hoch, immer noch blind und hinter deinem Rücken, um zu erkunden, ob sie ein Höschen trägt.

Ja, so müßte es gehen. Also nimm das gute Briefpapier aus der Schublade und schreib - fang gleich damit an - :

Liebste Manuela!

Ich glaube nicht, daß es einen besonderer Anlaß gibt, Dir diesen Brief zu schreiben. Aber braucht es einen besonderen Anlaß, wo doch jeder Tag mit Dir...

Illustrationen von Marion Leupelt

Copyright: Hans Birger

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero
Nummer 00
Titelbild
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