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Johanna B.: Strahlen vor Glück

Illustrationen von Marion Leupelt

Im dunklen Nebenzimmer findet die Fortsetzung der Party mit anderen Mitteln statt. Es hat gefunkt, als die beiden die Köpfe zusammensteckten. So jung kommen sie nicht wieder zusammen, und sie wüßten nicht, was sie lieber täten, als sich nach Leibeskräften durch ihre Körperlandschaften zu winden. Zwei Seelen, ein Gedanke: Wir haben mehr Glück als Verstand. So haben sie ihr Herz, verloren. Lust und Liebe. Leib und Seele. Wie vernagelt sind sie sich ja auf den Leib gerückt. Weiß der Himmel, dem Frieden ist doch nicht zu trauen.

Das Hirn ruft die Turteltauben zur Ordnung. Jetzt wird die Vernunft die Phrasen dreschen. Aus Erfahrungen werden wir klug. Man muß lernen, "fact" und "fiction" zu scheiden. Das tut weh. Manche lernt's nie. Das ist doch kein Zustand, das hat doch keine Zukunft, tu dir das nicht an, mein Kind, da fällst du auf die Schnauze, sei doch vernünftig. Wie eine Seitenblase zerplatzen die Träume dieser schlaflosen Nacht. Im Traum wäre ihr ja so was nie eingefallen.

Die anderen, sie sind in der Küche versammelt, wo alle guten Feten enden. Sie können das Jubilieren der frühen Vögel nicht vertragen. Unsere beiden Helden kehren zurück an den Herd, das ist doch ein Unterschied wie Nacht und Tag. Die beiden, sie sind so lichtscheu, kaum der Rede wert. Das Mädchen übt ein wenig Konversation, ein wenig Geselligkeit. Aber es ist ihr kein Vergnügen, sich am Riemen zu reißen. Bei den anderen, die sich die Nacht um die Ohren geschlagen haben, soll jetzt der blanke Neid zu seinem Recht kommen. Es ist doch ein taktloses Trauerspiel, daß dies Weib strahlen könnte vor Glück. Das wäre hier fehl am Platz. Hier wird die Realität durch Alkohol bekämpft und nicht durch Hormonstörungen. Alles zu seiner Zeit. Wir wollen doch nicht bei Adam und Eva anfangen. Wo kämen wir da hin. Alle sind vereint gegen traute Zweisamkeit. Ein guter Tropfen wird ihr gereicht, ihre Lust ist für die anderen nur kalter Kaffee. Das Maß ist voll, sie wollen nichts mehr davon hören.

(Ob sie zum Abschied leise "Servus" sagt, ist nicht bekannt.)

Sie will wieder zurück auf die Straße, will wieder singen. Nicht nur in ihrem Herzen lacht die Sonne. Sie wird jetzt auf eigenen Wegen den das Pflaster treten, sich auf den rechten Weg machen, zur U-Bahn. Sie ist sichtlich erfreut. Noch glänzen die Trottoirs, der Morgennebel hat sich eben erst verzogen: der junge Tag lädt ein, dem Augenblick zuzurufen: Verweile doch du bist so schön.

An eine Freundin in Westdeutschland schreibt sie einen Brief, in dem es heißt:

"... Du hast einmal gesagt (Erinnerst Du Dich?): 'Du weißt allzu gut, daß unser Herz an natürlichen Trieben so fest als an Ketten liegt.' Und dann, nach so einer Nacht. werden wir wieder eingefangen von Pflichten und Zwängen, von Vernunft und all dem Scheiß, und schon jetzt weiß ich, daß auch diese Liebesbeziehung scheitern wird an Mißverständnissen.

Denn was ist das Glück? Das Vergessenkönnen oder die Fähigkeit während seiner Dauer unhistorisch zu empfinden! Wer sich auf der Schwelle des Augenblicks, alle Vergangenheiten vergessend, niederlassen kann, wer auf einem Punkt wie eine Siegesgöttin ohne Furcht und Schwindel stehen kann, der wird wissen, was Glück ist. Aber es gibt kein unbedingtes und ungetrübtes Glück, das länger als fünf Minuten dauert, und ein langes Glück verliert allein schon durch seine Dauer. Was bleibt mir, wenn ich mein ganzes Streben auf solche Momente beschränke. Wenn ich nur die Wahrscheinlichkeit der Glücksmomente erhöhen kann. Im Kampf gegen Alter und Vernunft. Man liebt einen Menschen schließlich nicht alle Tage. Und das ist dann mein privates Weltereignis?!

Wer glücklich war, der wiederholt sein Glück im Schmerz. Das tue ich jetzt, wo ich den Geschmack des Glücks noch auf den Lippen spüre. Ich lebe nicht mehr gerne und ich bin den ewigen Kampf gegen die graue Realität leid..."

Copyright: Johanna B.

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero
Nummer 00
Titelbild
Vorrede
Dr. Hannes Jensen: Lebenshilfe Hans Duschke: MehlbeutelIn des Monats Kvara Bistroj: Die Salbader.- Worterklärung Selen Telesz: Fernsehn? Ich tu's! Carlo Kienast: Kackvogel des Monats Theodor Honnung: Die Liste Kvara Bistroj: Der kalte Arsch des Monats Siegfried Löwy: Plädoyer für den Reim Tristan von Sinnen: Locus amoenus Hans Birger: Der Liebesbrief Johanna B.: Strahlen vor Glück Andreas Scheffler: Kopfstand Anna Risol: Frau Z. Johann Tobias Schmitt: Neue Schuhe Johann Tobias Schmitt: Wieso mein Vater Heinrich Muoth: Sätze und Aphorismen
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge III/1
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