Johann Tobias Schmitt: Neue Schuhe
Endlich habe ich mir neue Schuhe gekauft, aber die rechte Socke hat immer noch ein Loch. Ich glaube, mein rechter großer Zeh ist größer als mein linker. Die linke Socke hat kein Loch. Der Schuhverkäufer hat gelacht wie über einen guten Witz, als ich ihn fragte, ob die Schuhe neu seien. Natürlich waren sie neu.
Es fällt mir schwer, in den neuen Schuhen zu gehen. Die Straßen sind voller Menschen, und ich muss mich oft entschuldigen. Dabei könnte ich gar nicht sagen, daß ich mit meinen Gedanken woanders wäre. Eigentlich bin ich nirgends mit meinen Gedanken. Ich habe mir eine Zeitung gekauft. Dann bin ich gestürzt und die Zeitung fiel mir aus der Hand. Der Wind stob in die Seiten und zerfetzte sie und stob sie überall hin. Ich wollte mich wieder aufrichten und sie wieder einfangen. Ständig stieß ich gegen Menschen und musste mich entschuldigen. Ich habe noch eine Zeitung gekauft und mich damit auf eine Bank gesetzt. Ich lese nicht mehr. Schon eine ganze Zeit. Nein, dumm bin ich eigentlich nicht. Aber Geschriebenes kann ich nicht mehr verstehen. Ja. einzelne Worte und Begriffe.

Namen von Ländern und Städten. Aber ganze Sätze? Viele Sätze hintereinander. Das gibt doch alles gar keinen Sinn. Wo ich wohne? Nirgends. Ja, übernachten. Ich schlafe da und da. Um mich herum ist alles grün. Das ist schön. Neben mir auf der Bank sitzt ein Baum. Dahinten kommt ein Polizist. Ob das derselbe ist wie vorhin? Der gesagt hat, ich hätte ein Loch in meiner Socke und ich solle mir doch Schuhe kaufen? Ich kann mir keine Gesichter merken. Der Baum neben mir. Wie seine Blätter wohl schmecken?