Johann Tobias Schmitt: Wieso mein Vater
Wieso mein Vater mich so schätzt? Mich so schätzt? Ja. vielleicht.
Ich war wach geworden durch das Geschrei der Mutter und das Schweigen des Vaters. Es muß ein Sonntag gewesen sein, oder ein Samstag, denn beide waren zuhause, und die Morgensonne stand schon an der Wand, und ich schwitzte unter der Decke. Die Eltern holten mich aus dem Halbschlaf, ich hörte sie von unten; als ich neben dem Bett stand, war der Nebel des Trauma verflogen, wieder hörte ich die Rufe der Mutter und wußte den schweigenden Vater daneben. Sie nannte den Namen der Katze, laut und zornig, fast schrill. In ihrer Stimme klang Abscheu. - Ich stand neben dem Vater, am Boden die Katze; sie spielte, jetzt sah ich es, mir einem Federknäuel.
Die Mutter stand gegenüber. Das Knäuel zappelte ein wenig, die kleinen Flügel schienen gebrochen, es fipste; etwas, das von innen kam, färbte, verklebte die Bauchfedern rot. Ich bückte mich und schob mit der Linken die Katze zur Seite, die spielte jetzt mit der Hand. Mit der Rechten nahm ich den Spatz. Der kleine Körper war ganz leicht und hielt still, eine feste kleine Kugel sein Kern; die Mutter beschimpfte weiter die Katze. Im Aufrichten nahm meine Linke, was in der Rechten lag, der Kopf war ganz hart, fast ganz ohne Federn. Ich zog an dem Kopf, ein Drähtchen spannte sich und riß, wie eben ein Drähtchen reißt, oder ein Faden: die Mutter verstummte. Halb warf, halb legte ich den kopflosen, zuckenden Bausch auf die Erde, die Katze stürzte sich darauf, den kleinen Schädel daneben.
Mein Vater hat mich überlebt. Und seit der Sache mit Mutter kommt er jeden Tag, und jeden Tag bringt er Blumen, außer im Winter, und redet mit sich selbst. Er spricht zu sich selbst und in Wahrheit beichtet er nur. Wir hatten nie viel miteinander geredet. Jetzt ist er schon lange in Rente und kommt jeden Tag. Ich weiß nicht, ob er jemals mit Mutter gesprochen hat; an ihr Grab geht er jedenfalls nicht, auch das hat er mir gebeichtet. Die Sache mit ihr hat er nie verstanden: gerade er wußte nichts anzufangen mit ihrer stummen Tat. Er kommt jeden morgen um neun und bleibt bis abends um sieben, im Sommer bis acht. Dann sitzt er da oben in seinem Anzug, den grauen Hut auf den Knien und erzählt. Er bringt jeden Tag frische Blumen, außer im Winter.