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Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge III/1

Was bisher geschah

Folge III: Kalul - Der tödliche Zauber (1.Teil)

von Jean Maurice Pelforth ins deutsche übersetzt von Horst Evers

"Verdammte Scheiße!", wieder hatte die pechschwarze Taxe mit 80 Sachen ein Schlagloch durchdonnert und ich mir einen kräftigen Schluck aus der Jonny-Flasche über die Hose geschüttet. Den Fahrer schien das nicht zu interessieren. Unaufhörlich quallte er in einem Kauderwelsch, das er wohl für Englisch hielt, auf mich ein. Hätte er nicht diese unglaubliche Ähnlichkeit mit Jean Baptiste Tigana gehabt...

Was soll's, wenigstens brachte er mich zur "Pension de Solei". Ich war von meinem Auftraggeber Rosapharm ja schon einiges gewohnt, aber das war nun wirklich die letzte Pisshöhle. Damit ich keine Zeit verlöre, hätten sie sich um ein Zimmer bemüht.

Diese Schulterpfurze!!!

Drinnen war keine Menschenseele zu sehen. Ich ging zu einem alten Küchentisch, an dem ein Schild mit der Aufschrift "reception" hing. Nachdem ich zwei Minuten gewartet hatte, trat ich ihn um. Tatsächlich kam nun ein aufgequollenes, schmieriges, weißes Fettgesicht aus dem Hinterzimmer. Es musterte mich kurz und stöhnte dann: "Orloff?", als ich bejahte, schoben mir seine abstoßenden Wichsgriffel den Zimmerschlüssel, einen Brief und zwei Stangen 'Karo' rüber, wenigstens das war den Rosapharmidioten gelungen.

Illustrationen von Marion Leupelt

Die Geräusche, die ich auf dem Weg zu meinem Zimmer hörte, gaben mir die Gewissheit, daß ich in einem Puff wohnte, aber das war mir dann auch egal. Im Zimmer selbst stank es wie auf einem Volksarmeeabort nach einem Kameradschaftsabend. Ich stellte meine Tasche ab und zog Helsings Brief aus dem mit Fettfingerabdrücken übersäten Umschlag:

Lieber Victor!,

bitte kommen Sie sofort zu meinem Haus in der
rue d'Albert 17, habe wichtige Neuigkeiten für sie.
in dringender Erwartung

Prof. Helsing!!!

Der gute Professor, wenn er schreibt es ist dringend, dann ist es das auch. Ich kannte ihn noch von einem Fall in Spanien vor zwei Jahren. Er hatte festgestellt, daß ein Syndikat Rennpferdsamen fälschte und damit gute Geschäfte machte. Ich mußte damals den tatsächlichen Samenspender finden; ein 23jähriger arbeitsloser Klempner aus Pforzheim - armes Schwein.

10 Minuten später war ich in der rue d'Albert. Claire, eine dunkelhäutige ewige Schönheit öffnete mir die Tür. Seit über 12 Jahren zieht sie als Helsings Haushälterin und Freundin mit ihm durch die Weltgeschichte - eine treue Seele.

Sie brachte mich zum Professor, welcher sofort aufgeregt lossprudelte:

"Victor!, gut, daß sie endlich da sind. Ich bin hier in Haiti auf etwas gestoßen, was ich noch vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten hätte. Ein medizinisches Phänomen, das, wenn es so ist wie ich glaube, die ganze Weit verändern wird."

Helsing konnte sich vor Erregung kaum halten. Ich hatte ihn zwar als engagierten Wissenschaftler kennengelernt, aber Ausbrüche wie dieser waren neu. Doch das sollte mich nur noch neugieriger machen.

"Leider läuft mit diesem Phänomen wohl auch ein schreckliches Verbrechen parallel, das macht die Sache so schwierig. Aber ich will von Anfang an erzählen."

Helsing schenkte uns beiden einen Cognac ein, ließ sich in seinen Sessel fallen und holte tief Luft.

"Unweit von hier liegt das Gebiet einer Voodoo-Religionsgemeinschaft man könnte es auch einen Stamm nennen. Es sind die "Kiouchou"; ihr besonderes Merkmal sind ihre, von grenzenlosen sexuellen Ausschweifungen begleiteten Rituale. Vor einigen Jahren fand nun der Aids-Virus Eingang in den Stamm und breitete sich in Windeseile aus. Zahllose Kiouchous verloren ihr Leben und da ihre Priester, die "Houngans", kein Gegenmittel fanden, war man sich allerorten sicher, daß es den Stamm in absehbarer Zeit nicht mehr geben würde.

Da betrat ein neuer Houngan die Szene. Er nannte sich "Kalul" und versprach ein Ritual zu entwickeln, das den Aids-Virus vernichten sollte. Nun, was soll ich sagen, es gelang ihm. Durch ein eigenartiges Ritual vertrieb er tatsächlich den Virus aus der Religionsgemeinschaft. Nicht irgendein Medikament, sondern die Macht der Psyche, des Unterbewußtseins vernichtete die Krankheit. Schon seit langem glauben ja viele Wissenschaftler, fast alle Krankheiten wären im Unterbewußtsein begründet. Kalul liefert ihnen hiermit den handfesten Beweis !"

Helsing strahlte mich an. Das also war es. Keine Pflanze, sondern ein Ritual sollte den Aids-Virus in seine Schranken weisen. Nun, mir sollte es recht sein, blieb nur noch die Frage, wo das Verbrechen liegen mochte.

"Das ist ja das Schlimme", antwortete Helsing, "da er sie gerettet hat, verehren die Kiouchous Kalul jetzt wie eben Gott. Er hat jede Macht über den Stamm, und die nutzt er aus. Alle drei Monate läßt er sich die jungen 16jährigen Mädchen des Stammes bringen, um mit ihnen das Ritual zu vollziehen. Da die Gemeinschaft schon wieder recht groß ist und noch immer wächst, sind dies nicht wenige. Jedoch kehrt von 10 Mädchen nur eines nach dem Ritual zum Stamm zurück. Die anderen verkauft Kalul an exklusive Clubs in den Staaten und Westeuropa, die für solche "aids-resistente" Ware natürlich ein Vermögen zahlen. Den Kiouchous erzählt er, er würde sie als Missionarinnen einsetzen, damit sie ihren Glauben in die Weit tragen mögen."

Hätte mir nicht Prof. Helsing diese Geschichte erzählt, wäre ich kopfschüttelnd gegangen. So aber konnte ich relativ sicher sein, daß alles stimmte. Es gab also nur noch eine Aufgabe für mich, ich mußte das "Ritual des Kalul" erkunden. Helsing schien meine Gedanken zu kennen.

"Morgen wird Kalul wieder das Ritual vollziehen. Paßt es Ihnen wenn wir bei Sonnenaufgang zur heiligen Stätte aufbrechen ?"

Natürlich passte es mir, ich wollte schon gehen, als Helsing mich noch mal am Arm packte.

"Victor!, ich bin mir nicht sicher, ob sie begriffen haben wie gefährlich dieser Kalul ist. Ich bin ein alter Mann, ich hab schon viel gesehen, aber dieser Kerl macht mir Angst, glaube mir, bitte. Niemand weiß, wer er ist, woher er kommt was er vorher getan hat. Niemand kennt sein wirkliches Gesicht, und doch stehen sie alle unter seinem Einfluß, sei es nur weil sie Angst vor ihm haben. Sollte mir aus irgendwelchen Gründen etwas zustoßen, wende dich bitte an Commissaire Sirkut, den Polizeichef hier, er ist der einzige Mensch, dem man noch vertrauen kann. Wir dürfen Kalul nicht unterschätzen, er ist brandgefährlich."

Das Helsing mich auf einmal duzte, hätte mir zwar zu denken geben sollen, aber die Gefahr gehört schließlich zu meinem Beruf, sonst hätte ich ja auch Lehrer werden können...

Zurück in der Pension wollte ich noch schnell einen Drink nehmen, um dann schlafen zu gehen. Doch es sollte anders kommen. Eine dunkelhäutige, wohl zum Personal gehörende Schöne gesellte sich zu mir. Sie hieß Sonja, wir flirteten ein bißchen und noch ehe ich an meine Allergie denken konnte, fiel mir das Ritual ein. Natürlich, sie war eine Klouchou, sie würde auch ohne Gummi..., damit war dann alles klar.

Als ich am nächsten Morgen mit dröhnendem Kopf aufwachte, tat mir zunächst alles weh. Am schlimmsten aber war es unterhalb der Gürtellinie. Ich schlug die Decke hoch und da sah ich es auch schon. Grün, alles grün!!!, überall diese Punkte, dazu die langsam abklingenden Schwellungen, dieses Jucken, dieser Schmerz!!! Hatte diese Bestie etwa doch eins benutzt?!?, ich mußte irgendwann das Bewußtsein verloren haben...

Schlimmer noch war aber der strahlende Sonnenschein. Es war schon nach neun und Helsing vermutlich ohne mich aufgebrochen. Ich schluckte den Schmerz runter, schmiß mich in meine Klamotten, steckte die 38er ein und machte mich auf den Weg.

Zu meiner Überraschung aber stand Helsings Jeep noch unberührt vor dein Haus, auch im Gebäude war alles ruhig, von nervösem Warten keine Spur. Statt Erleichterung verspürte ich allerdings nur ein ungutes Gefühl, weiches noch durch die spaltbreit geöffnete Haustür verstärkt wurde. Ich nahm vorsichtshalber die 38er in Anschlag und trat die Türe auf. Hatte ich gewußt, was mich dahinter erwartete, ich hätte sie wohl besser zu gelassen...

Die Wände waren mit schwarzer Farbe überstrichen, überall standen abgebrannte Kerzen und inmitten des Ganzen: Claire.

Illustrationen von Marion Leupelt

Man hatte ihr ein Messer durch den Hals getrieben, über ihrem blutleeren Kopf waren seltsame Zeichen in den Türrahmen geritzt. Unter Schwindelanfällen verließ ich den Raum. In der ganzen Wohnung weiter diese abgebrannten Kerzen. Wie in Trance erreichte ich Helsings Arbeitszimmer, an dessen Tür eine widerliche Maske, die mir ins Gesicht zu schreien schien, prangte. Ich öffnete...

Prof. Helsing lag da inmitten unzähliger Kerzenstummel. Sie hatten ihm ein Holzkreuz durch den Schädel gerammt, seine Brust war aufgeschlitzt, das Herz herausgerissen und dann auf's Kreuz genagelt worden. Auf dem Kreuz waren wieder diese seltsamen Zeichen eingeritzt, ich versuchte sie mir einzuprägen, doch dann hielt ich es nicht mehr aus. Noch auf der Straße mußte ich mich erbrechen. Verdammt!!!

Mit was für Menschen hatte ich es hier zu tun?, waren das überhaupt noch Menschen??? Wie kommt ausgerechnet eine Bestie wie Kalul zu dem Genie, das ihn den Virus besiegen ließ?, war er mit dem Teufel im Bunde oder womöglich Lucifer selbst...???

Quatsch!!!

Oder doch nicht?, ich wußte es nicht, ich wußte überhaupt gar nichts mehr. Verdammt, dieser Fall war tatsächlich das Gefährlichste und Rätselhafteste, was ich bislang erlebt hatte, und ich hatte weiß Gott schon viel erlebt. Doch es half nichts, ich mußte das Ritual gegen Aids ergründen, koste es was es wolle; und ich mußte Kalul finden, das war das Mindeste, was ich Prof. Helsing schuldig war.

Fortsetzung folgt

Copyright: Horst Evers

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero
Nummer 00
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Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge III/1
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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