Siegfried Löwy: Berichte aus der Redaktion
Es war Freitagnachmittag, als ich die Redaktion betrat, und obwohl ich in der letzten Zeit häufiger in den Räumen des Salbader. verkehre, fühlte ich doch wieder diese fröhlich aufgeregte Heiterkeit. so etwa wie sie Jungen am Morgen ihres Geburtstagsfestes erfüllt.
Guten Tag zusammen, sagte ich, worauf vier Münder sofort Hallo Siegfried! retournierten. Das war es, was mir bei jedem Eintreten besonders gefiel. Wo immer ich ansonsten erschien, versuchte ein Mehlbeutel, freundschaftliche Vertrautheit durch das Diminutiv 'Siggi' anzuzeigen, oder verstieg sich gar zu der dumpfen Vertraulichkeit eines 'Komm rein, Alter'. Nein!, diese Herren pflegten subtilere Ausdrucksformen.
Trinkst du einen mit?, fragte Herr Scheffler und schenkte mir sogleich einen goldbraunen Schnaps ein. Ich erinnere mich, wie er einmal selbst von jener kosigen Vornamensform betroffen war: Dieser Blick, sich wandelnd vom tiefen Starren zum spöttischen Wegwerfen; der geringschätzende Zug um den Mund, lächelnd im Wissen, ein Nichts vor sich zu haben! Heute war Herr Scheffler bester Laune. Gegen die Realität, prostete er im Verein mit Herrn Böttcher uns allen zu. Seine markanten Gesichtszüge, nun den Tribut des Alters zahlend, lassen vermuten, daß er in früheren Zeiten manche Geliebte heimgebracht und ein rechter Zocker gewesen ist.
Das Telefon klingelte. Tagchen. tagchen, tagchen, rief Herr Hansen in die Muschel. In solchen Situationen erinnert er mich immer an Kermit, den Frosch aus der Muppet-Show.
Ja. Genau. - Hm. -Prima. - Ja, geht in Ordnung. - Ciao. Ruhig legte er auf und fing dann an zu schimpfen: Diese dumme Kuh! Keine Ahnung! So einen Scheiß habe ich lange nicht gehört!, tobte der Alte mit einem leichten norddeutschen Akzent, der seine geistvolle Qualität unterstrich.
Dees ischa guat!, rief Herr Böttcher unvermittelt und lächelte. Ihm sei das egal, bemerkte zwischendrein Herr Winter.
Während der Schimpfende eine Runde Bommerlunder ausschenkte und begann von einem kürzlich gemachten Hans-Albers-Film zu erzählen, ertönte auf einmal ein Posaunensignal. Balisto!, ist viel Gutes dran! Balisto... Herr Winter fing an zu singen. Hmm, schmeckt gut, ist nicht so süß.
Herr Winter ist früher Mitglied in einem Chor gewesen und schnappt auch heute noch manches Couplet auf, welches er seinen Freunden gern vorsingt. Das Haar wird allmählich schütter, und auch der Bart sticht graudurchwirkt, doch seine Stimme hat er sich erhalten.
Geht jemand zur Tankstelle, Bier holen?, fragte Herr Böttcher und winkte mit einer Banknote. Er verständigte sich mit Herrn Winter, bald zusammen zu gehen und legte seine Stirn in Falten. Der Schwabe ist besonders reizend, wenn er denkt. Herr Böttcher dachte fortwährend an eine Geliebte, die jüngst Freund Amor ihm ins Herz gelegt hatte. Ja, der Johannistrieb beschert unseren Alten noch manches Amüsement.
Herr Böttcher erzählte nun einen Witz und ging mit dem Sinatra-summenden Herrn Winter Bier holen, während Herr Scheffler und Herr Hansen mir abwechselnd aus Henscheids 'Die Vollidioten' vorlasen.
Bald war die Runde wieder vereint, und wir holten das Risikospiel hervor. Es wurde noch ein langer, harmonischer Abend; - einer dieser Abende, die ich nicht missen möchte.