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Bov Bjerg: Zwei Anekdoten, die DDR betreffen

...bevor sie nicht mehr lustig sind.

Allmählich fühle ich mich wie ein dauernd Zu-Spät-Kommender; oder wie einer, dem dauernd zuvorgekommen wird. Denn kaum hatte ich im letzten Oktober die Folge einer Fortsetzungsgeschichte vollendet, in welcher der Held. ein von einem Pharmakonzern angestellter und seinem Auftrag gemäß sich auf der Suche nach dem Heilmittel gegen eine schlimme unheilbare Krankheit befindender Privatdetektiv, in welcher also dieser Held unter dubiosen Umständen in die DDR der teuflischen Honecker- und Mielke-Ära verschlagen und dortselbst, so schien es zu drohen, eingebuchtet werden sollte - da ist diese Ära auch schon zu Ende und meine Geschichte völlig überholt.

Doch nicht genug: Ich hatte kaum sechs Wochen später gerade den Schlußpunkt gesetzt unter eine Ansprache, die das Ärmerwerden der Welt beklagte am Beispiel des Verschwindens einiger liebgewordener Produkte wie Bluna, Walter Sparbier und der Baader-Meinhof-Bande; ein Monolog, welcher, bei letzterer angekommen, voll klammheimlicher Melancholie bemängelte, daß erstklassige Attentate, deren Ergebnisse am Fernseher zu erleben doch unbedingt zu einer glücklichen Kindheit gehört, daß solche Anschläge zunehmend fehlen, jedenfalls seit ungefähr zwölf Jahren; ich habe also gerade den Schlußpunkt gesetzt und schalte zur Entspannung und Belohnung mein Fernsehgerät an: Krawumm! Wieder nichts. Naja, wenigstens erstklassig.

Warum ich das alles erzähle? Nun, damit klar ist, wieso ich keine Zeit mehr verlieren und die folgenden zwei Anekdoten loswerden möchte: ich fürchte nämlich, wenn ich noch ein bißchen warte, auf eine passende Gelegenheit etwa, daß sich dann gar niemand mehr erinnern könnte, wie das war, als die Zonies noch nicht reisen durften und noch kein richtiges Geld hatten.

Jedenfalls betrifft die erste Anekdote einen mir bekannten Frankfurter/Oder, welcher einmal aus ich weiß nicht mehr welchem Anlaß die Erlaubnis erhalten hatte, samt Gattin die schöne Stadt Paris zu besuchen; allerdings ohne seine Kinder, weshalb mangels einer Aufsichtsperson für jene seine Frau dann doch noch In Frankfurt/Oder hatte zurückbleiben müssen. Statt ihrer mußte mein Bekannter den familieneigenen Hund Leo (Foxterrier) mitnehmen. Heute noch hängt im Wohnzimmer meines Frankfurters/Oder in einem kleinen Rahmen das einzige Foto, welches er dort In Paris mit seiner Praktica gemacht hat: Leo im Vordergrund, im Hintergrund der Eiffelturm.

Ganz kurz die zweite Anekdote: Einer schaffte es. jedes Jahr einmal in den Westen zu kommen; wie, weiß der Himmel. Vielleicht hatte er eine große Verwandtschaft mit vielen runden Geburtstagen. Wie auch immer, er holte sich einmal im Jahr das Begrüßungsgeld (früher 100, noch früher 30 DM) und kaufte sich dafür - Bananen? Schokolade? Kaffee? Weit gefehlt! Er investierte unser, bzw. sein gutes Westgeld ausschließlich in unser gutes blütenweißes, geprägtes, vierlagiges Tissue-Toilettenpapier mit der hohen Naßreißfestigkeit. So war er stets mein einziger Bekannter im anderen Teil unseres Landes, bei dem Ich mich so richtig unbeschwert zu scheißen traute.

Jedenfalls wollte Ich das noch erzählt haben, bevor sich niemand mehr daran erinnert wie das war, als die Ostdeutschen noch nicht richtig reisen konnten und noch kein richtiges Geld hatten. Weil, wenn man das nicht mehr wüßte, dann wären die Anekdoten ja auch gar nicht mehr komisch.

Copyright: Bov Bjerg

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero
Nummer 01
Titelbild
Vorrede
Siegfried Löwy: Berichte aus der Redaktion Bov Bjerg: Zwei Anekdoten, die DDR betreffen Selen Telesz: Kackvogel des Monats Dr. Hannes Jensen: Lebenshilfe Kvara Bistroj: Die Salbader.- Worterklärung Hans Duschke und Siegfried Löwy: MehlbeutelIn des Monats Hans Duschke: Die moralische Autorität des Schreiberlings Kvara Bistroj: Der kalte Arsch des Monats Siegfried Löwy: Fernsehn? Ich tu's! Siegfried Löwy: Juliette, der Marquis und das Ich Tristan von Sinnen: Abspann Johann Tobias Schmitt Heiß und Kalt Johann Tobias Schmitt Einer jener flauen Fortsetzungswitze Anna Riesol: Frau Z. Gerhard Richter: Konzentriertes Hineinschauen Hans Birger: Bürgerliche Erziehung Ciao Tsheskou: Über die Unberechenbarkeit unserer Feuerzeuge Andreas Scheffler: Müde
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge III/2
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