Hans Duschke und Siegfried Löwy: MehlbeutelIn des Monats
Min Jung!
In der letzten Zeit habe ich mir viele Gedanken über unsere Beziehung gemacht. Ich habe manche Vorurteile gehabt, diese wieder verworfen und neue aufgebaut. Jetzt aber bin ich zu einem abschließenden Urteil gelangt: So kann es nicht weitergehen.
Du weißt. Ich habe Dich Immer bewundert: Deine Selbstsicherheit. Deine Kraft und Stärke; Du hattest die Droge nie nötig. Deine nüchterne Lebensweise und Deine Vernunft haben mir imponiert. Du lebtest mir das vor, was ich nicht erreichen konnte, und von dem ich auch nicht weiß, ob ich es will. Du ißt Gemüsebrühe und Joghurt, und mir ist die Herkunft der Tomaten in meinem Döner scheißegal. Du diskutierst stundenlang über die unerträgliche Richtigkeit des Seins, während ich mir begeistert (mehrfach) Indiana Jones angucke. Ich habe Dir nachgeeifert, und ich gebe zu: Du warst mein Ideal.
Doch dann habe ich Dich mit John Wayne verglichen: Ich weiß, das Leben ist eine fortwährende Ablenkung, die nicht einmal zur Besinnung darüber kommen läßt, wovon sie ablenkt, aber: Wenn Du Dir wenigstens dessen bewußt wärst! Sicher, Ihr tragt beide eine harte Schale. John Wayne aber verbirgt dahinter ein warmes Gefühl für den Mitmenschen; bei Dir jedoch finde Ich nur eine kalte Berechnung für das Gefühl, das andere Dir gegenüber empfinden. John Wayne lebt. Du erlebst.
Nein, Dein IKEA-Geschmack hält Dich im konkreten Rahmen des Gewöhnlichen. Größe und Genialität sind keine Kategorie, spielen für Dich keine Rolle. Fehlerlos betreibst Du das sozial Zulässige: Du suchst Dir deine FreundInnen nach anderen Kriterien: RaucherIn - NichtraucherIn, TrinkerIn - NichttrinkerIn, Sechsämter - heiße Milch (mit Honig). Ich dagegen, von jener Gebrauchsnorm entfernt, die mich für unnormal hält und die ich verabscheue, will meine individuelle Perversion leuchten lassen.
Du hast Dich für den Standard. die bürgerliche Lebensform (Wirst Du bald heiraten?) entschieden, und eins ist klar: Du wirst in meiner Biographie als Fußnote erscheinen - wenn überhaupt. Nun wohl, Dein Dutzendleben hat die Ewigkeit nicht nötig.
Padua ahoi!
