Hans Duschke: Die moralische Autorität des Schreiberlings
Das Interview führt Hans Duschke
Wir sind sehr glücklich, hier ein Interview mit dem großen alten Mann des ironischen Fatalismus, dem 96-jährigen Stefan Lehm veröffentlichen zu können. in dem er sich erstmals nach über 20-jährigem Schweigen wieder zu Fragen der Literaturtheorie äußert.
Salbader.: Meister, darf ich Sie fragen: Wie ist Ihr Verhältnis zur Theorie heute?
Lehm: Wissen Sie, das sind doch alles lächerliche Spinnereien. Vor etlichen Jahren hab' ich da auch mal was von mir gegeben. Privat betreibe ich so etwas immer noch - Gedankenspäße eines müden, alten Mannes, nichts weiter.
Salbader.: Darf ich Sie um eine Kostprobe bitten?
Lehm: Sehen Sie, ich habe mir vor kurzem ein kleines Bildchen gemacht:

... alles Mumpitz natürlich, aber immerhin amüsant.
Salbader.: Jaa, sehr interessant Wenn ich Sie bitten dürfte: die 'moralische Autorität des Dichters' können sie das ein wenig ausführen?
Lehm: Aber junger Mann, was ist denn das Problem? Jeder Dichter - oder Schreiberling, wenn Ihnen das näher ist - wäre gern eine moralische Autorität. Jetzt kommt es darauf an, kritisch zu beweisen, daß ich es bin.
Salbader.: Ich auch - möglicherweise?
Lehm: Aber selbstverständlich, junger Freund, wenn Sie daran Freude haben.
Salbader.: Herr Lehm, ich bitte Sie, beweisen Sie mir meine moralische Autorität als Schreiberling.
Lehm: Nichts leichter als das: Jeder Text ist Ausdruck einer Befindlichkeit und als solcher eine Auseinandersetzung zwischen einer spezifischen Moral und der jeweiligen Realität. Die Moral muß sich, immer wieder neu, an der Realität messen. Hier stellt sich die Frage, wie groß die Gruppe ist, für die Sie stellvertretend sprechen. Das ist natürlich eine Frage nach der Qualität Ihrer Texte. Man kann allerdings davon ausgehen, daß es zumindest einige Menschen gibt, deren Befindlichkeit Sie ebenfalls schildern, auch wenn Ihre Sachen noch so mies sind. Wie Sie wissen, ist die ästhetische Qualität grundlegend für die moralische Bedeutung: Was schön ist, muß auch gut sein*. In diesem Sinne macht jeder Text eine moralische Aussage über - na bestenfalls die Gesellschaft. Der Leser kann mit Ihnen streiten, aber Sie setzen den Standart.
Salbader.: Ja, super! Dann bin ich eine moralische Autorität, vielleicht nur eine kleine - was soll's das wollte ich schon immer!
Lehm: Es tut mir leid, wenn Sie mich da mißverstanden haben. Sie sind und bleiben ein kleiner Idiot, nur als Autor machen Sie eine moralische Aussage.
Salbader.: Aha, ich verstehe. Jetzt weiß ich auch, warum es so angenehm ist, zu einer Fremden zu sagen: "...Ach, weißt Du, ich schreibe ein bißchen."
Lehm.: Sicher, das mag ein Grund sein. Noch schöner ist es allerdings, wenn die Leute es sich schon untereinander zutuscheln, wenn Sie hereinkommen.
Salbader.: Ach, Herr Lehm, welch ungeahnte, kaum erträumte Perspektiven tun sich da auf...
Lehm.: Hören Sie doch auf mit dem eitlen Geplapper. Sie eklige Charaktermaske.
Salbader.: Aber Herr Lehm, Ich bitte Sie...
Lehm: Sie eitle Tropfnase, aufgeblasener Schlappsack...
Salbader.: Herr Lehm, Sie sind 86, schonen Sie sich doch.
Lehm: ...impotenter Laubfrosch, Sie balsamiertes Schrumpfhirn, Aldi-Qualitätsprodukt...
Salbader.: Herr Lehm, wie danken Ihnen für das Gespräch.
Lehm.: ... geistiger Nachtwächter, verpaßte Abtreibung, kriecherischer Tiefkühlfurz, schimmliges Schamhaar, besoffener Bananenbauer, borstige Brieftaube, schwammiger Schmierfink, feister feiger Fettsack...
Salbader.: Es reicht jetzt! ... Pfleger!, schieben Sie Ihn zurück in seine Kammer.
*) Vergleiche dazu die demnächst erscheinende Schrift von Hans Duschke: Warum meine Texte auch formal Scheiße sein müssen oder Ich bin im Besitz einer negativen Ästhetik.