Siegfried Löwy: Fernsehn? Ich tu's!
Heute: das Tennis-Publikum
Im Grunde genommen habe ich weder gegen profane Heiterkeit, noch gegen billige Vergnügungen etwas einzuwenden. Doch immer wieder sind es diese sich in den Vordergrund schaukelnden Begleiterscheinungen, die mein cholerisches Geblüt In Richtung Infarkt treiben.
Eine Sendung wie beispielsweise Pleiten, Pech und Pannen wäre durchaus amüsant ohne das auswendig gelernte Geseiere eines Flachwichsers wie Max Schautzer. Manche jener harmlosen Funkausstellungsspielchen könnten ohne weiteres kurzweilig sein ohne die Zurschaustellung verzogener Kinder und unheimlich witziger Erwachsener bei Zuschauer-Mitmach-Spielen.
Die mir verfügbaren Relikte von Verständnis sind jedenfalls dann erschöpft, wenn es sich um Sport dreht. Nun bin ich kein martialischer Geist, dem Kampf das A und O ist: auch halte ich die bekannte altrömische Behauptung, daß nur in einem gesunden Körper ein gesunder Geist sein könne, für die kriminellste und unmenschlichste Behauptung seit Menschengedenken überhaupt (H.D.HÜSCH); nein: hier geht es um Tennis und um den korrekten Konsum desselben.

Seit Jahren schon verfolge ich die verschiedensten Turniere dieser Welt. Und gerade seit unser Boris auf BILDnerische Aneignungsstrategien rückhändig retourniert, er sei keineswegs stolz, Deutscher zu sein und jeder Nationalismus liege ihm fern, jubele ich ihm auch gern wieder zu - verhalten und der Würde des weißen Sports angemessen, - am Fernseher. In der letzten Zeit aber werden Entwicklungen entfesselt, die mich mit Sorge erfüllen. - Mit allen ihren Schrecken wurde ich dieser Tendenz gewahr bei der Übertragung des Davis-Cup-Doppels Becker/Jelen gegen Gunnarson/Jarryd. Ein spannungsgeladenes Spiel auf höchstem technischen Niveau, gepaart mit dem nötigen kämpferischen Einsatz. Grandios: Genosse Boris, Pickel-Eric und ich. Und dennoch war ich ein ums andere Mal versucht, in wilder Wut das Fernsehgerät abzuschalten, denn zum Blutsturz unertragbar war das Publikum, welches die Stimmung eines bayerischen Volksfestes in die Hanns-Martin-Schleyer-Halle hineinstampfte und -röhrte. Mit den letzten Hirnfetzen hatte es wohl begriffen, daß solch eine Halle über eine herrliche Akustik verfügt und die Anlage des Tennisspiels in seinen Konzentrationsphasen viel Raum läßt, individuell und doch anonym etwas auf den Court zu brüllen. Von Stumpfsinnigkeiten wie dem allliteratischen Skandieren von Boris Becker! Boris Becker! trieb es sich hin bis zu der intellektuellen Höchstleistung des Dialogs: Zeigt's dem Schweden! - Genau!
Das Deutschtum zeigt seine Stärke, erinnert sich vielleicht an Nibelungen-Trachtentanz und zeitigt ein nationales Massenerlebnis, welches selbst von den Amis kaum übertroffen werden kann. Jeder Ballwechsel - egal ob gut oder schlecht vorgetragen - wird beklatscht und betrampelt. Der kollektive Hass entlädt sich über dem Schiedsrichter und dem Schweden. Ein Doppelfehler Gunnarsons wird von den selbsternannten Jubelpersern ebenso honoriert, wie ein leicht verschlagener Ball Jarryds. - Klasse Leistung des deutschen teams! Die schwarz-rot-güldnen Fahnen flattern über Chorgesängen Ohee Oheoheohee!, So ein Tag ...! Der begrüßte Fan-Club aus Leipzig grölt wie schwachsinnig gesamtdeutsches Liedgut aus seinen geifernden Kohlgesichtern, und ich wünsche mir weißgekleidete Ordnungskräfte mit Zwangsjacken und Knebeln.
Es ist traurig: Die breitensportliche Entwicklung des Tennissports hat ein kultiviertes Ereignis zu einem Suhlpfuhl groben Unfugs und debiler Massenentäußerung gemacht.
Ein Wunsch nur zum Schluss: Lasst mir wenigstens Wimbledon als finale Bastion formvollendeter Betrachtenskultur.