Siegfried Löwy: Juliette, der Marquis und das Ich*
Es ist auf die Dauer peinlich, einerseits von der Bedeutung eines Schriftstellers zu sprechen und auf der anderen Seite seine Werke nicht empfehlen zu können. (W. LENNIG).
Teufel auch!, empfehlen kann ich de Sade wirklich nicht. Es scheint mir gefährlich, sich hinabzublättern in jene tiefsten Schluchten des Menschseins; ein traumatischer Ekel, ein existentieller Abscheu stellt sich ein. Nicht vor de Sade, nicht vor der extatischen Massierung von Pornographie. Nein. Vor dem Menschlichen schlechthin.
Ich habe Juliette gelesen. Aus Neugier. Und ich war fasziniert. Kaum wegen der unzähligen Orgien, die eher an Massengymnastik erinnern. Die modernen Sportsriegen...finden in den sexuellen teams der Juliette, bei denen kein Augenblick ungenützt, keine Körperöffnung vernachlässigt, keine Funktion untätig bleibt ihr genaues Modell. (HORKHEIMER/ADORNO).
Auch nicht wegen der verworrenen Handlung, die uns durch ganz Europa führt. Juliette läßt sich nicht auf wenigen Seiten zusammenfassen. Ich will es gar nicht versuchen. Wichtig ist allein, - und das ist zugleich das faszinierende - daß es sich bei diesem Roman um Philosophie im pornographischen Gewand handelt.
Der nach elf Jahren Bastille fettleibige und asthmatische Citoyen Sade eröffnet Denkmodelle voller Verbitterung; der durch die Willkür seiner Schwiegermutter Eingekerkerte vermittelt tiefe Einsichten in die Hölle des menschlichen Wesens. Man erzieht uns von Kind auf dazu, das Menschenleben gar nicht, das Gesetz über alles zu schätzen: als Resultat ergibt sich daß wir unseresgleichen ebenso leichtfertig umbringen wie ein Fleischer ein Kalb, ohne daran weitere Reflexionen zu knüpfen, erklärt der Henker - und Beischläfer Juliettes - Delcour (S. 88). Die Klostervorsteherin Délben führt die Heldin in die 'Sünde' ein: Stürzen wir uns also in diese lasterhafte Weit, in der die größten Betrüger am weitesten vorwärts kommen. Da die Gesellschaft nur aus Schwindlern und deren Opfern besteht, so müssen wir selbstverständlich die Rolle der Ersteren wählen. (S. 23). Die Destruktion, das Böse ist nach de Sade ebenso Bestandteil der Natur wie die Tugend, wobei letztere stets dem Laster unterliegt. Einmal wird Juliette schwach. Ihr Gönner, der Minister Saint-Fond will durch Gut- und Landeinkäufe zwei Drittel Frankreichs entvölkern. ...so sehr ich auch verdorben war, diese Idee ließ mich zagen. Verderbliche Rührung, warum konnte ich dich nicht besiegen, klagt Juliette (S. 177).
Am Ende freilich wälzt sie sich stets auf der Siegesseite. - Unvergeßlich die Blutorgien am Hofe des Papstes! - Immer neue Protektoren. Aber verspürt Juliette Dankbarkeit? Man nennt Dankbarkeit jenes Gefühl das eine Wohltat erwidern möchte, nun frage ich aber nach dem Grund, der den Wohltäter zu seiner Handlung bestimmte. Handelt er für sich oder für mich. Ist das Erstere der Fall, so schulde ich ihm nichts, im zweiten Fall aber verletzt er meinen Stolz. (S. 32).

Der Roman ist ein Plädoyer für den Egoismus als einziges Mittel, dem persönlichen Untergang zu entgehen. Er ist eine Leidenschaftlich nüchterne Schrift für die unumschränkte Freiheit des Individuums. Vom monarchistischen und korrupten Frankreich eingekerkert, wenige Jahre nach Ausbruch der bürgerlichen Revolution ins Irrenhaus verbannt, war de Sade was man auch sonst gegen ihn einwenden mag, ein erbitterter Feind jeder Unterdrückung. jedes persönlichen Zwangs und ließ nie ab von seinem anarchischen Individualismus. (W. LENNIG). Ein Individualismus, welcher stringent jede Form von permanenter Herrschaft ablehnt, der einen glühenden Hass gegen die Vorstellung eines Gottes empfindet, wie auch sich selbst innerhalb des destruktiven Wirkens des Natürlichen sieht.
Im Jahr 1783 schreibt de Sade seiner Frau aus der Bastille: Gutsein ist für mich etwas Peinliches und Zuwideres, ich wünsche mir ja gar nichts Besseres, als in meinem Morast zu verharren, es gefällt mir darin...ihr habt mein Gehirn in Glut versetzt und mich imaginäre Gestalten ersinnen lassen, die es sofort zu verwirklichen galt: Wenn man einen Topf auf allzu starkes Feuer stellt, dann quillt er über, wie Ihr wohl wißt...
Feministinnen werfen de Sade heute grausame Frauenfeindlichkeit vor. ANDREA DWORKIN würde ihn verklagen, da de Sade als Vorlage für Vergewaltigung und Mord verwendet wird. ALICE SCHWARZER belehrt Simone de Beauvoir: Beauvoir hat 1951 einen Essay veröffentlicht mit dem Titel 'Soll man de Sade verbrennen?' Und sie hat die Antwort darauf gegeben: Nein. - Ich wage allerdings zu behaupten, daß sie selbst dies vermutlich heute anders sehen würde.
Bei aller Klotzköpfigkeit wird offenbar übersehen, daß de Sade nicht allein frauen- sondern menschenfeindlich denkt und schreibt. Ein klarsichtiger Blick auf die Übermacht des realen Bösen läßt ihm keine Wahl.
Sade ist ein Philosoph und auf seine Art ein Moralist.(J. COCTEAU).
Gleichwohl: Empfehlen kann ich die Lektüre nicht.
*) Marquis de Sade, Juliette oder die Vorteile des Lasters. Frankfurt/Main, Berlin 1989