Johann Tobias Schmitt: Heiß und Kalt
Kind, wie kommst du überhaupt hier her, was willst du hier in meinen vier Wänden, meiner Kammer. Dem einzigen Ort, der mich bei mir sein läßt. Kind, wie bist du hier herein gekommen? Wem gehörst du? Ach, ich soll suchen; ja, was soll ich denn suchen? Das sagst du mir nicht. Heiß und kalt; und du glaubst, ich beginne jetzt, wie ein verhungerndes Tier die Schubladen aufzureißen. Was soll ich denn suchen? Hier, ist es hier hinter der Tür? Kalt, eiskalt, aha. Im Bücherregal, ich weiß schon, hinter den Büchern. Die Uhr? Was ist - hast du in der Uhr etwas versteckt? - ist es nicht. Ja, sitz du nur da und sag dauernd kalt, ich weiß schon, natürlich, der Schrank, unter den Kleidern. Du bist schon ganz schön unverschämt, in meinem Kleiderschrank... Ach, kalt. Soso. Dann der Ofen! In Öfen ohne Feuer etwas zu verstecken, sehr pfiffig. - Ja, sitz du nur ruhig da und zufrieden in meinem Sessel; freust dich wohl, endlich einen Onkel gefunden zu haben, der solche dummen Spiele spielt mit dir? Oho! Im Bett! Unter der Decke? Unterm Kissen? Unter der Matratze gar? Eiskalt. Na schön. Nun raus damit. Raus damit! - Ich dir an die Gurgel? Ach, woher... Lauwarm? Unterm Sessel vielleicht? Fast heiß, aha! Nun sag schon, sonst könnte ich dich wirklich noch erwürgen, nun sag! Du kriegst keine Luft mehr, was? Wie bitte? Heiß, heiß? Ich habe doch dich, deinen Hals in den Händen. Das war es also. Aber Kind, was soll ich denn, sag mir, mit dir, deinem Hals?
