Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 01/1990 Anna Riesol: Frau Z.
Artikelaktionen

Anna Riesol: Frau Z.

Wie Frau Z. haushaltet

Kürzlich wurde Frau Z. darauf angesprochen, warum sie, auch wenn es ihr selbst nicht so gut ginge, wo immer sie von Bettlern, Obdachlosen oder anderen Bedürftigen angesprochen würde, bereitwillig von ihrem Letzten abgäbe.

Frau Z. runzelte kurz die Stirn und antwortete dann ohne zu überlegen: Weil es mir dann sofort wieder besser geht.

Was für Frau Z. besonders anstrengend ist

Vor einiger Zeit belastete ein seelisches Unglück das Gemüt der Frau Z. so sehr, daß es ihr nicht möglich war, dies nach außen gänzlich zu unterdrücken.

So bemerkte auch eine liebe Freundin diesen Kummer und bot ihre Hilfe an. Nun hatte Frau Z. in ähnlichen Situationen bereits ausreichend Erfahrungen gesammelt, weshalb sie ihr tatsächliches Problem verschwieg und statt dessen ein bedeutend leichter lösbares vorschützte, bei dessen Bewältigung ihr die liebe Freundin dann auch ohne weiteres zu helfen vermochte.

Ein guter Freund aber durchschaute den Schwindel und da er sich keinen Reim auf das Vorgehen der Frau Z. machen konnte, sprach er sie plump darauf an. Diese schmunzelte zunächst, gab dann aber bereitwillig Auskunft.

Oftmals, setzte sie an, habe ich in vergleichbaren Konstellationen bereits versucht, mit Hilfe der gutgemeinten Angebote meine Probleme zu bewältigen. Die gemachten Erfahrungen haben mich allerdings zu dem Schluß kommen lassen, daß solch ernsthafte Sorgen wohl nur von mir selbst gelöst werden können. Andere in diese Nöte einzuweihen, hat bislang den Kummer zumeist nur verstärkt oder zusätzlich verkompliziert und solches wollte ich mir in diesem Fall ersparen.

Nun, antwortete da der Freund, wenn dem so sei, dann wundere er sich allerdings, warum sie nicht einfach das Angebot der Freundin abgelehnt habe...

Auch diesmal zog zunächst ein Lächeln über das Gesicht der Frau Z., die dann jedoch noch bestimmter als zuvor entgegnete:

Vielen Menschen ist bereits geholfen, wenn ihr Hilfsangebot angenommen wird. Probleme anderer zu lösen, ist immer einfacher, als die Bewältigung der eigenen. So ist der stetige Kümmerdrang mancher Männer und Frauen denn auch oft nur Ausdruck ihrer Ängste und Nöte. Ich mag diese Menschen, denn sie sind aus meiner Sicht gut und es gibt sehr, sehr viele von ihnen.

Daher bemühe ich mich, wann immer sie mir ihre Hilfe anbieten, ein passendes Problem parat zu haben, auch wenn ich zugeben muß, daß dies für mich von Zeit zu Zeit sehr anstrengend ist.

Copyright: Anna Riesol

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero
Nummer 01
Titelbild
Vorrede
Siegfried Löwy: Berichte aus der Redaktion Bov Bjerg: Zwei Anekdoten, die DDR betreffen Selen Telesz: Kackvogel des Monats Dr. Hannes Jensen: Lebenshilfe Kvara Bistroj: Die Salbader.- Worterklärung Hans Duschke und Siegfried Löwy: MehlbeutelIn des Monats Hans Duschke: Die moralische Autorität des Schreiberlings Kvara Bistroj: Der kalte Arsch des Monats Siegfried Löwy: Fernsehn? Ich tu's! Siegfried Löwy: Juliette, der Marquis und das Ich Tristan von Sinnen: Abspann Johann Tobias Schmitt Heiß und Kalt Johann Tobias Schmitt Einer jener flauen Fortsetzungswitze Anna Riesol: Frau Z. Gerhard Richter: Konzentriertes Hineinschauen Hans Birger: Bürgerliche Erziehung Ciao Tsheskou: Über die Unberechenbarkeit unserer Feuerzeuge Andreas Scheffler: Müde
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge III/2
Was die anderen schreiben
Impressum
Mehr…
 

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: