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Hans Birger: Bürgerliche Erziehung

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Sabine hat alles Gute und alle Fehler des Leichtsinns.

Zuerst das Gute - Eine der Haupteigenschaften des Leichtsinns ist die Begierde, stets vergnügt zu sein und nichts als vergnügte Gesichter zu sehen. Daher ihre Empfindsamkeit gegen jedes Mißvergnügen über sie und gegen jede Mißbilligung ihrer Handlungen; ihre Bitten nur gut und lustig zu sein und noch auffallendere Auftritte der Art. Dies gibt mir ein leichtes und natürliches Mittel an die Hand, auf sie zu wirken, wenn es nur nicht zu oft genutzt und dadurch abgenutzt wird.

Auf den Leichtsinn wirkt nur der Eindruck des Augenblicks, das Vergangene ist vergessen. Das ist bei Sabine offenbar der Fall. Würde ich, sofort nach der strengsten Bestrafung, nur ohne die fatale Sache zu berühren, mit ihr in der Stube herumspringen, so bin ich gewiß, daß sie so herzlich vergnügt sein würde als jemals. Im kleinen habe ich diese Erfahrung oft gemacht.

Ihre Fehler - Leichtsinn, der von einer natürlichen Lebhaftigkeit zeugt, will unaufhörlich nach seiner eigenen Art und frei beschäftigt sein, und wenn der Geist noch zu wenig Kraft hat, so wirkt die Begierde aus dem kleinen Körper. Bekanntermaßen kann Sabine nie still und gerade sitzen oder stehen, und wenn man sie dazu zwingt, so muß sie mit dem noch beweglichen Teil ihres Körpers, dem Gesicht und den Händen, Bewegungen machen. Daß diese Beschreibung nicht übertrieben ist, können Sie jeden Augenblick bestätigt finden, da Sie das Mädchen beobachten.

Eben diese Unstetigkeit muß auch auf den Geist wirken, wie auf den Körper. Es ist interessant zu beobachten, auf welche Art sie manchmal Dinge verwechselt, mißversteht oder wie schwer es ihr fällt, wenn sie nur einmal erklären soll, was sie meint. Dazu kommt ihre Hastigkeit im Sprechen, ihr beständiges Versprechen, die Undeutlichkeit ihrer Aussprache insgesamt. Es ist überhaupt das schwerste bei der Erziehung der Kinder, ihre Art, Gedanken aneinander zu ketten, zu entdecken. In diese Aneinanderreihung Ordnung und Regelmäßigkeit zu bringen, das ist der Entzweck der Erziehung, unserer Bemühungen, die Kinder vernünftig zu machen.

Sehr ins Auge fallend Ist ihre Unartigkeit. Viele Dinge haben sich vereinigt, diesen Ungehorsam bei ihr hervorzubringen: Aus Leichtsinn vergißt sie sogleich wieder, was man ihr verboten hat; öfters ist sie anscheinend zu zerstreut, um es auch nur zuhören. Alle Strafen, mit denen man ihr drohen kann, sind zukünftig, das Vergnügen aber ist ihr gegenwärtig. Sie hat immer zu viel Grund in der Hoffnung, daß sie der Strafe entgehen werde. Und wie oft gelingt ihr nicht dieser Hoffnung?

Auch des Trotzes und der Halsstarrigkeit hat sich Sabine mehrmals verdächtig gemacht. Vor allem ist es vorgekommen, daß sie sich nicht hat entschuldigen wollen. Nichts ist wichtiger für die Bildung des Charakters, als Kinder zur Erkenntnis und Bereuung ihrer Fehler zu bringen, und sie an das offene Geständnis derselben zu gewöhnen. Ein jedes Kind muß lernen. sich der Autorität des Pädagogen zu unterwerfen. Ich meine damit nicht den bloß förmlichen Wunsch nach Vergebung, der darin besteht. daß man sagt: Ich bitte um Entschuldigung, ich will's nicht wieder tun; dies ist nur eine äußerliche Handlung. Sabine hat sich etliche Male auf diese Art bei mir entschuldigen müssen, und es wäre kein Wunder, wenn sie allein dadurch die Abneigung gegen mich bekommen hätte, die man ihr zuschreibt, die sie aber zum Glück nicht hat. Ihre Abscheu vor dem Förmlichen der Abbitte kommt daher, daß sie es als Strafe ansieht. Sie will eine Strafe, die ihr bitter ist, sich nicht selbst zufügen.

Recht gedacht müßte es eigentlich so gehen: Ich sage ihr einige überzeugende Worte und fahre fort, mich mit ihr zu beschäftigen, etwas kalt und trocken von meiner Seite, wie es sich versteht, doch ohne ihres Fehlers mit einem Wort zu gedenken. In einer viertel oder halben Stunde kommt sie bitterlich weinend und bittet um Verzeihung. Das ist die wahre Entschuldigung, die das Herz und kein Befehl erfordert.

Das ist ungefähr die Zeichnung von Sabine Charakter im allgemeinen. Ich muß jedoch noch einige Worte über einen besonderen Umstand sagen. Wenn ich wirklich fände, daß es Sabine an Zuneigung zu mir fehle, so könnte ich es sehr frei zugeben, da die Schuld nicht an mir liegen müßte, sondern auch an anderen Umständen liegen könnte, und da ich gezeigt habe, daß ich mir die zur Dressur nötige Liebe eines Kindes zu erwerben weiß. Aber dies ist wirklich nicht der Fall. Es ist überhaupt in Sabines Wesen, daß sie sich an jeden, der oft um sie ist, und der etwas zu ihrem Vergnügen beitragen kann, anhängt. Sie ist gern bei mir.

Illustrationen von The incredible Hansk

Copyright: Hans Birger

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero
Nummer 01
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