Andreas Scheffler: Müde
Junger Freund. Welchen Zweck hat es. daß du hier das Pflaster trittst? Dein Schritt schlägt müde Im Schneeregenmatsch, und deine Kraft reicht nicht einmal aus, den Weg an öligen Pfützen vorbeizuziehen. Naß, aufgerissen und alt schlurfen deine Schuhe über winterliche Straßen.
Was läßt dich deine Gestalt im Schneewind verlieren? Dein Kragen schlägt so locker um den feuchten Hals, der Schal so eisverkrustet, lose über den hängenden Schultern. Leicht fliegen Flocken heißen Schnees ins Dreieck deines Brustausschnitts und ziehen eine brennende Spur dir bis zum Nabel. Züngelnder Wind in deinem weißen Haar.
Was zieht dich, beinahe blind, über die im Schneetreiben endlose Straße? Deine tauben Finger tasten nach einer Zigarette, die dir entfällt, vergeht in schlüpfrigem Boden. Gefühllos längst dein Gesicht, deine Füße leblose Klumpen in furchtbarem Takt auf und ab. Zerrissene Eichen im Wind. Ein Handschuh fällt, der Schal flattert nutzlos. Ein eiliger Passant. Du schaust kurz auf, einen Augenblick flackert etwas auf unter deiner müden Stirn. Vorbei. Auf und ab. Dein Mantel öffnet sich über steifem Stoff. Ein Kranz von Eis im salzverkrusteten Kragen. Du bist müde. Geh noch ein Weilchen, ganz ruhig. Und dann leg dich auf eine Bank. Schlafe ein. Ein Wintertag neigt sich dem Ende.