Siegfried Löwy: Lob des Alkohols
Neulich saß und arbeitete ich an einer Rede über die kafkaeske Literatur, welche anhand der Fragmente und losen Blätter die Profillosigkeit unserer Lehrstuhlinhaber aufzeigen sollte, doch mit Ausnahme von kruden Beschimpfungen blieb mein Oktavheft leer. Potztausend!, rief ich, zog den Mantel an und ging zweimal ums Haus, machte hernach fünf Liegestütz und spielte zehn Minuten mit dem Kater. Doch alles half nichts. Mein sonst so kluges Gehirn zog es vor, wie ein trockener Waschlappen nutzlos herumzuliegen. So holte ich schließlich zur Zerstreuung den GOTTFRIED BENN aus dem Regal und fand schon bald den richtungsweisenden Satz: Potente Gehirne aber stärken sich nicht durch Milch sondern durch Alkaloide. Ein so kleines Organ von solcher Verletzlichkeit, das es fertigbrachte, die Pyramiden und die Gammastrahlen, die Löwen und die Eisberge nicht nur anzugehen, sondern sie zu erzeugen und zu denken, kann man nicht wie ein Vergißmeinnicht mit Grundwasser begießen. - Recht hatte er, der Doktor Benn. Sogleich befolgte ich den ärztlichen Rat und holte die Flasche 100 Pipers aus der Kammer, ein guter schottischer Whisky, welcher im Intershop nur 14,95 DM kostet, aber genauso lecker ist wie Ballantines. (Übrigens ein guter Grund gegen die Wiedervereinigung!)
Ich trank einige Gläser, und schon bald war die Rede aufs filigranste ausgetüftelt und -gefeilt. Kopf hoch, Genossen, mit noch was Obstler bringen wir genug kritische Masse zusammen, erinnerte ich mich eines RÜHMKORF-Satzes. Und es ist ja tatsächlich nicht so, daß der angebliche Teufel stets nur dazu dient, den Leidenssirup zu verdünnen, die innersten Zerwürfnisse zu eskamotieren. Entweder du beteiligst dich emsig an der Realitätsbewältigung bist aber am Ende traurig, oder du läufst herum mit der Flasche im Mantel.(H. D. HÜSCH). Nun ja.
Zerfahrene literarische Geister brauchen zeitweilig Ablenkung und Einschlafhilfe. Wer von andauernder Weltsicht gramgeschüttelt und benommen von der Flut grotesker Morbiditäten (H. P. LOVECRAFT) den Griffel führt, dem sei ein Trutzschild zugegeben; und auch im Einzelhandel tut zuweilen Harnisch not: ...gewissermaßen als Schwert aber hielt der ANO-Geschäftsführer eine große Flasche Sechsämter in der Hand (E. HENSCHEID).
Zuzeiten klingt auch Verbitterung an, - doch das gewiß nicht ohne Grund: Die Güte schafft nicht, ihr mangelt es an Phantasie; deren bedarf es aber, um eine Welt herzustellen, wie hingepatzt sie auch sei (E. M. CIORAN).
Da verkehrt sich die herkömmliche Meinung, die fraglos vor lauter Herkommen gar nicht mehr weiß, woher eigentlich, im Nu und geradewegs ins Gegenteil. Seitdem du aufgehört hast mit dem Trinken, benimmst du dich einfach unmöglich, sagte einmal DEAN MARTIN zu Frank Sinatra in einem alten Spielfilm. Dieser Tadel drängt mir immer dann in den Kopf, wenn - zumeist in Talk-Shows - der Bestsellerautor J. M. SIMMEL herumtönt. Dann wird es bitter, denn es gibt wohl kaum etwas Erbärmlicheres als gewesene Alkoholiker! Da hockt dieser Mensch und jammert fortwährend, wie dreckig es ihm gegangen sei, damals als er noch gesoffen habe. Nun aber sei er bereits seit über 15 Jahren trocken - und schon braust ein Beifallsorkan durch das Studio angesichts solcher Offenheit, man ist betroffen und ergriffen, schließlich bewundert man diesen willensstarken Mann, der für mich nichts ist als ein inkonsequenter Tränensack. Sprunghaft bin ich beinahe versucht, Sympathien für F. J. S. zu entwickeln, der bekanntlich Whisky aus Litergläsern (K. MÖCK) getrunken hat.
Dann doch lieber BOGART: Ich glaube die Welt ist drei Drinks zurück, und es ist höchste Zeit, daß sie aufholt. Überhaupt ist es erstaunlich, welche Mengen starker Getränke unsere Privatdetektive und Agenten in sich zu gießen in der Lage sind, gleichwohl aber Männer der Tat bleiben und den Bösewichtern stets unter größtem gedanklichen und körperlichen Einsatz auf die Schliche kommen. Leamas stand auf, ging zur Anrichte und goß sich einen Whisky ein. Er fragte nicht, ob es Peters recht war. (J. LE CARRÉ).
Damit möchte ich unsere kleine Sinn- und Besinnungssammlung abschließen und finalement zu bedenken geben, daß der Nutzen eines jeden Dinges engstens mit der Art seiner Benutzung zusammenfällt. - Vor einigen Tagen schrieb mir meine liebe Verlobte auf einen Zettel: Die ganze Welt ein Honigkuchen?/ Wie ungenießbar wär das wohl./ Jedoch: Seit ich beständig griene,/ Trink ich aus Freude Alkohol. In diesem Sinne...
