Selen Telesz: Über die Bedeutung von Diskussionen
Eine Rezension
Eigentlich sollte man davon ausgehen dürfen, daß jemand wie ich, der aus beruflichen Gründen nicht umhin kann, Monat für Monat solche aberwitzigen Massen geistigen Unfugs und Schund zu lesen, durch nichts mehr mit tieferer Betroffenheit erfüllt werden könnte. Überaschenderweise ist dem jedoch nicht so. Immer wieder gelingt es Autoren wie dem unsterblichen H. P. Greif, mein ruhiges Blut mittels boshafter Dummheit ekstatisch infarktbejahend durch die alten Adern zu jagen.
Eine solch dreist-plumpe Schrift wie sein in Kürze erscheinendes Werk: Von der Funktion der Diskussion, ist selbst bei wohlwollendster Betrachtung nur noch als unsinnig, überflüssig, abscheulich und polemisch zu bezeichnen.
»Die wesentliche Funktion von Diskussionen ist es, klare Entscheidungen zu verhindern, [...] sie (die Diskussion) entschärften Konflikte, verwässern die Auffassungen, verwerfen wesentliches und bevorzugen Unbedeutendes, um zu einem Kompromiß zu gelangen.
[...] Der Kompromiß sucht die Mitte, [...] Diskussion garantiert somit die Herrschaft des Mittelmaß, ist also im höchsten Maße staatstragend«
Dies ist nun einer der hervorragenden Gründe, die Greif gegen die Diskussion ins Feld führt. Es paßt ihm nicht. daß Konflikte entschärft werden, am liebsten hätte er es wohl, wenn wir noch mit Keulen aufeinander losgehen. Nun, eines Tages wird er mich auch soweit bringen.
Es ist doch gerade der Sinn von Diskussionen Verständnis für unterschiedliche Auffassungen zu erlangen, um so mögliche Katastrophen zu vermeiden. Aber dies will Herr Greif wohl nicht sehen. Statt dessen setzt der tumbe Karrierenegativist noch einen drauf:
»Die Diskussion erzeugt also einen Wissenslevel. Der wirklich neue, innovative, radikale Gedanke hat kaum eine Chance, da er, sobald die Diskussion beginnt, mit hoher Wahrscheinlichkeit von der überheblichen Masse plattgeschlagen wird. Der Denkende kommt immer nur soweit, wie die 'Experten' ihm folgen können, was darüber geht, gilt als nicht gedacht. Dieses System schafft jene unerträgliche Sicherheit, auf welcher sich die Arroganz der zur Oralkopulation neigenden, selbsterwählten herrschenden Intelligenz gründet.«
So so, die Intelligenz ist also arrogant, wie originell Herr Greif. Ich will gar nicht weiter darauf eingehen, aber wenn es denn schon zuviel verlangt ist, sich wenigstens im Ansatz einmal mit Hegel. Nietzsche, Adorno oder dem alten Horkheimer zu beschäftigen, so hätte mein vertrottelter Peiniger doch wenigstens den Kleist'schen Aufsatz: »Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden«, zur Kenntnis nehmen können. Ich denke, selbst eine sudelnde Tropfnase wie er müßte dann auf die eigentlich triviale Idee kommen, daß das Gespräch auch ein Prüfstein und eine Chance für die eigenen Gedanken sein kann, ganz abgesehen von der unterhaltenden Inspiration. Aber hier hat unser junger Schmierfink ja ebenfalls seine eigenen Ansichten:
»Wenn es überhaupt eine wesentliche kommunikative Funktion der Diskussion gibt, dann ist dies die der Selbstdarstellung einzelner Gesprächsteilnehmer, [...] Dabei gäbe es für diesen Aktionszwang so viele Alternativen. Die Gesprächsteilnehmer könnten z.B. alle ein Gedicht aufsagen oder einen Handstand vorführen. Vollkommen unverständlicher Weise ist ihnen dies aber peinlich; ahnen sie denn nicht, daß ihre Redebeiträge noch bedeutend peinlicher sind ? Wie oft schon wünschte ich mir nach schier endlosen Diskussionen, ich hätte die Stunden schweigend im Handstand verbracht [...] «
Oh ja, auch ich wünschte mir, Greif würde seine Zeit schweigend und an Durchfall erkrankt auf Händen stehend verbringen. Dann hätte er nämlich ganz andere Probleme, als uns mit seinen geistigen Gebrechen zu belästigen. Gott sei Dank sind die Zeiten, in denen solche Moderevoluzzer nicht unbedeutende Massen zu verdummen wußten 1ängst vorbei. 41 Jahre demokratische Erziehung kann man eben nicht so einfach zerstören.
