Heinrich Muoth: Der vernünftige Verkäufer
Es passiert mir manchmal, daß Erlebnisse. die eigentlich schon recht lang zurück liegen und in der Tat von keiner großen Bedeutung sind, mir dennoch nicht aus dem Sinn gehen wollen. Von einer solchen Episode, die tatsächlich weder als besonders komisch noch als überaus lehrreich zu bezeichnen ist. will ich hier aber, aus der an und für sich völlig unverständlichen Motivation heraus, viele Menschen sollten von ihr wissen, dennoch berichte. Nun mag freilich keiner glauben, ich rechnete damit, daß wirklich viele Menschen diese Zeitschrift und in ihr meine Geschichte lasen. Nein, die Angst, man vermochte womöglich nicht ohne Umschweife darüber gefahrlos ein Urteil zu sprechen, wird die Leserschar gewiß auf 4-500 Tollkühne begrenzen. Aber ich denke, selbst dies ist für eine so belanglose Geschichte wie die meine noch recht beachtlich. So will ich auch nicht mehr viele Zeilen verlieren und umgehend beginnen.
Es ist, wie bereits erwähnt, schon einige Zeit her, daß ich mit durchaus ernsten Kaufabsichten einen kleinen Drogerieladen in der Nähe meiner Wohnung betrat. Dieses Geschäft war noch eines von der älteren Art, in welchen ein hinter der Theke stehenden, zumeist freundlicher Herr den Kunden beratend bedient. Nun sollte aber nur niemand denken, es wären nostalgische oder gar samariterähnliche Anwandlung gewesen, die mich zur Wahl dieser Verkaufsstätte veranlaßt hätten. Der tatsächliche Grund hierfür war vielmehr die Außerordentlichkeit meines Kaufbegehrens.
Eigentlich mag ich Verkaufsgespräche nämlich überhaupt nicht. In der Tat mißlang es mir schon manches Mal, in solchen Verhandlungen meinen ursprünglichen Wunsch zu erklären. Darüber hinaus getraute ich mich dann oftmals nicht, den geäußerten Vermutungen des Verkäufers hörbar zu widersprechen, was also zur Folge hatte, daß ich in den seltensten Fällen das Ding bekam, nach dem mir eigentlich der Sinn gestanden hatte. Deshalb ist es mir auch am liebsten, wenn ich das Objekt meiner Begierde in unendlichen Regalen finde, von wo ich es dann still zur Kasse bringen und dort wortlos bezahlen darf.
Hinsichtlich des Produktes, um dessen Erwerb diese Geschichte gestrickt ist, ging dies allerdings nicht. Ich mußte also, wie immer in solchen Fällen, einen Satz zur Wunschentäußerung ersinnen, der zuvörderst alle weiteren Fragen ausschließen sollte. So ging ich frohen Mutes in den Drogerieladen und raspelte entschlossen: Ich hätte gern ein umweltfreundliches Verteidigungsspray, das auch aus kleinen Räumen relativ zügig wieder verfliegt.
Der verblüffte Verkäufer schaute mich eine ganze Weile mit einem Ausdruck äußersten Argwohns an, um dann zu fragen, ob ich womöglich den Gedanken, mich demnächst vergewaltigen zu lassen, hegte*.

Ich verneinte höflich, und gab meinen tatsächlichen Grund an. Diesen aber verstand der Verkäufer nun ganz und gar nicht, was mich wiederum zu der Vermutung veranlaßt, die meisten Leser würden ihn gleichwohl nicht verstehen, weshalb ich es denn auch unterlasse, ihn hier ein zweites Mal vorzutragen.
In jedem Falle entbrannte darauf ein genauso witziger wie aggressiver Disput, welcher mich schon kaum mehr auf die Erfüllung meines Begehrens hoffen lies. Plötzlich jedoch kam mir eine Idee. Ich warf einen angemessenen Betrag auf den Tresen und verlangte nach dem Gas. Der Verkäufer starrte auf das Geld, überlegte kurz und händigte mir dann das Streitobjekt aus.
Also kam ich, weil der Ladeninhaber ein vernünftiger Mensch war, doch noch zu meiner Verteidigungswaffe; allerdings tut der Verkäufer, wenn er mich heute zufällig auf der Straße sieht, so, als würde er mich nicht kennen.
*) Natürlich weiß ich, daß das ziemlich frauenfeindlich ist, aber so war's nun mal.