Heinrich Muoth: Der Vampir

Plötzlich findet er sich in der dunklen Küche wieder. Auch wenn ihm die Küche gänzlich egal ist, kann es doch die Dunkelheit nicht sein. Er hört die Menschen, wie sie nebenan übereinander reden. Es sind Menschen, die er ohne weiteres seine Freunde nennen möchte.
Die Luft bei ihnen ist von den vielen Sätzen der Nacht in winzige Stücke zerschnitten. Richtig atmen kann man dort nicht mehr - höchstens noch japsen.
Er ist blaß.
Vieles steht noch im Raum. Er will warten bis es sich setzt, um dann besser darüberhinweggehen zu können, wenngleich er längst weiß, daß er doch irgendwann stolpert.
Er stolpert oft, und man sieht auch schon das immer frische Blut durch seine Hose schimmern. Mit aufgeschlagenen Knien kann man nicht mehr so gut kriechen, man muß sie durchdrücken. Wer aufrecht geht, stolpert öfter. Er hat schon viel Blut verloren.
Er ist blaß.
Ein Pflaster schließt die Wunde. Die Knie kann man selbst verarzten; was gut ist, weil andere doch nur ahnen wo es wehtut; bei den Händen ist das schwieriger.
Mit ein paar kräftigen Tritten gegen das, worüber er stolperte, befriedigt er sein Gemüt. Den Schmerz der Tritte spürt er kaum. Des öfteren war er stolz auf seine Selbstbeherrschung, wenn er nicht trat, aber es scheint manchmal so, als stellten sich die Dinge dann um so sicherer in seinen Weg; als vergnügten sie sich an seinem Sturz. Er sieht lustig aus, wenn er fällt. Ich glaube, er macht im Sturz noch extra Faxen, wohlwissend so weitere verletzliche Stellen dem Aufprall auszusetzen.
Er mag es, daß man über ihn lacht. Wer über ihn lacht, nimmt ihn wahr, ob er ihn nun be- oder verachtet, er achtet.
Der Moment des Auflachens ist recht kurz. Dadurch wird die Sache für ihn sehr anstrengend. Sein eigener Körper kann nur begrenzt das Blut ersetzen.
Er ist blaß.