Mark Oliv: Alptraum
Tonnen Tauben aus den eingegrauten, vogeldreckübersäten Straßenschluchten der Randbezirke, am Abendhimmel ein enggeschnürter Schwarm in kilometerweiter Ausdehnung, gelangten Feder an Fleisch an Feder in die City, spülten über Boulevards und in die U-Bahnschächte; jäh anschwellendes Reifenknirschen und Dauerhupen dämmten sie innerhalb weniger Minuten ab. Ohrenbetäubend gurrte und schnarrte es rund um die Gedächtniskirche, den Glockenturm wanderte Gefieder in Stapeln hinauf und verwandelte ihn in eine vertikal pulsierende, schuppige Welle. Eng wurde es auf den Bürgersteigen, Pfennigabsätze klapperten hastig und knickten. Einige verstörte Passanten drängten sich in den Schutz unscheinbarer Geschäftseingänge oder in die eigenen vier Wände, von wo sie, war Ihre Stirn schweißnass?, verfolgten, wie sich die Taubenmasse an Schaufensterzeilen entlang preßte. Mit starren Augen, die nach und nach auf ausgestellte Bildschirme geheftet blieben, auf denen ein massiges Politikgesicht erschienen war.
Der überdimensionale Mercedes-Stern auf einem der Hochhausdächer des Zentrums drehte sich gelassen um sich selbst.
Vor dem violetten Ball der untergehenden Sonne formierte sich der nächste Trupp Tauben noch in der Luft zu einem aufgeregt flatternden, großen D. Ihr Strom riß nicht ab.
