J. T. Schmitt: Möse und Fahrrad*
Ich schalte gern hin und her, hinauf die Knöpfchenreihe und hinunter: mit großem Vergnügen, denn meine Knöpfe reichen nicht aus, drehe ich sogar an einem dieser verborgenen Stiftchen. Ein Neugeborenes erscheint, blutig rot, ein weißen Kittel hält es hoch. "Blutig rot?" Sagte ich "rot"? Ach, überbordener Einbildung! Mein Fernseher kann doch nur schwarzweiß! Das kleine runzlige Kind ist also schwarz. An seinem Bauch, da hängt ein Kabel, weiß wie der Blitz. und dieses Kabel leitet die Kamera. die solches zu sehen mir ja erst erlaubt, nach unten.
Ich rekonstruieren: Die Arme, nein, die Hände eines weißen Kittels, vulgo Doktor, halten ein winziges kleines, geschwärztes, verrunzeltes Kind, und zwar in die Höhe. Aus dem Bauch dieses dunklen Geschöpfchens, aus diesem dunklen Bauch wächst ein Kabel, ein ganz gewöhnliches, stinknormales, in jedem Elektrogeschäft unzutreffendes, nichtsdestoweniger strahlend weißes Kabel. An diesem makellosen Kabel, dieser pikobello hellen, glatten Schnur, gleitet die Femsehkamera, und mit ihr notgedrungen auch der Blick des Zuschauers, in diesem Falle meiner oder ich, wir gleiten also entlang dieses Kabels nach unten. Dort unten klafft rot, nein schwarz, ein senkrechter, nennen wir ihn ruhig "fleischig", ein schwarzer, senkrechter, fleischiger Spalt. Und in diesem Spalt verschwindet mir nichts dir nichts das Kabel.
Nun setze ich die Mütze auf, steige in den Mantel und taste mich im Treppenhaus, dessen Licht, hätte ich sonst zum Tasten Anlaß?, dessen Licht kaputt ist, die steilen Stiegen hinab. Auf dem Trottoir angelangt gewahre ich einen Nebel oder feinen Regen, der von der Straßenbeleuchtung, wie das sein muß, in fahles Gelb getaucht wird. Nun zu unterscheiden, ob der Nebel in das gelbe Licht, oder ob nicht doch viel eher, entgegen dem soeben möglicherweise etwas übereilt so dahin Geschriebenen, nicht doch viel eher das gelbe Licht in den Nebel oder den Nebelregen, den Nieselnebel, getaucht wird, dies also nun zu unterscheiden und näher darzulegen und auszubreiten, besitze ich, der ich im Augenblick, was man mir verzeihen möge, kein anderes wirkliches Interesse habe, als mich endlich aufzumachen, dazu habe ich gerade nicht die rechte Geduld. Und weil ich nun beim besten vorhandenen Willen, da ich beide Hände zum Lenken meines großen schwarzen Velozipeds benötige, nicht mehr weiterschreiben kann, muß ich hier, nicht ohne etwaige spätere Veröffentlicher noch zu bitten, meiner Geschichte wenigstens einen möglichst zum Lesen reizenden Titel zu geben. muß ich also hier leider enden.
*) Titel von der Redaktion