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Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge IV

Was bisher geschah:

Der ehemalige DDR-Bürger Victor Orloff arbeitet heute als Privatdetektiv für den Chemieriesen Rosapharm (Bad Schwartau). Sein Auftrag: Ein natürliches Mittel gegen Aids zu finden. Victor Orloff leidet sehr unter seiner Gummiallergie - seine persönliche Einsatzbereitschaft ist entsprechend groß. Nach gefährlichen, aber erfolglosen Abenteuern im Vatican, in Zentralafrika und auf Haiti hat es ihn nun nach Rumänien verschlagen, wo er einigermaßen zermürbt eintrifft.

Folge IV: Das Rätsel der Karpaten (1.Teil)

Von Martin O'Peeds, ins Deutsche gebracht von Bov Bjerg

und die angst mit vampyrrüssel
saugt das blut aus meinen adern,
aus dem kopfe das gehirn
(Grillpanzer: Ahnfrau, 2. Aufzug)

Wenn ich die nächtliche Eisenbahnfahrt von Istanbul nach Bukarest in unguter Erinnerung habe, dann liegt das weniger an dem gräßlichen türkischen Raki, sondern vielmehr an den bulgarischen Zigaretten, die ich am Bahnhof in Sofia kaufen und, meiner letzten Karo ledig, dann auch rauchen mußte. Mein Magen weigerte sich noch eine ganze Woche lang, feste Nahrung bei sich zu behalten, Aber das war auch egal, denn schließlich befand ich mich in Rumänien.

- Doch alles der Reihe nach: Den rumänischen Grenzübergang passierte ich als Journalist: Ein polyglotter Fluch gegen Ceaucescu und seine Schergen ersetzte mir Presseausweis und Akkreditierung. Mit einem fröhlichen "Securitate merde! Bon voyage!" verabschiedeten mich die Grenzer. Es war noch dunkel, als ich in Bukarest ankam. Obwohl die Nullen von Rosapharm mir aufgetragen hatten, mit diesem Zug zu kommen, holte mich niemand ab. Ich entschied, noch ein bißchen zu warten. Für ein paar Lei besorgte ich mir eine druckfrische Tageszeitung mit dem schönen deutschen Namen "Neuer Weg" und setzte mich in ein zerschossenes Toilettenhäuschen. Mein Darm tobte und ich studierte so gut es vor Sonnenaufgang eben ging die Schlagzeilen, denn zum Handwerkszeug eines Privatdetektiven gehört es, sich überall und jederzeit über den Stand der Welt und der Dinge zu informieren. Ein Artikel schien vielversprechend, ich riss ihn aus und steckte ihn ein. Draußen trat ein junger, drahtiger Kerl auf den Plan, das heißt auf den Bahnsteig, einen Strauß Blumen in der Hand und unter dem Arm eine Stange Karo! Da es mit dem außerordentlich ungriffigen Zeitungspapier etwas länger brauchte, taxierte ich derweil noch durch ein Einschußloch mein Empfangskommando. Und siehe da, aus den Blüten ragte eine hauchdünne Nadel, die im Mondlicht silbern aufblitzte. Das hatte nichts gutes zu bedeuteten, für mich nicht und noch viel weniger für einen gewissen Georg, der mich eigentlich hätte abholen sollen.

Aus dem Häuschen stürzen und dem Schweinepriester das Gemüse aus der Hand zu schlagen war eines. Nach einigem Nachhelfen verstand er, der zunächst nur Rumänisch begriff, meine drängenden Fragen; so half ich ihm hoch und er führte mich zum Hotel. Als wir in der Morgendämmerung dort ankamen, entwischte er mir. Wenigstens hatte ich ihm vorher die Karos abgenommen.

Georg, jedenfalls vermutete ich, daß es Georg war, lag in einem der Hotelzimmer tot auf der Couch; er linste noch wie besoffen unter seinen linken Augendeckel hervor, ein winziger Einstich zierte seinen Hals. Naja, wenigstens nicht so ein Schweinestall wie bei Helsings Ermordung auf Haiti. Auf dem abgewetzten Teppichboden war eine Landkarte ausgebreitet. Ein Dorf in der Nähe von Klausenburg war rot umzirkelt. Georg stammte aus dieser Gegend, vielleicht konnte mir dort jemand weiterhelfen. Ohnehin war es außer meinem Zeitungsausschnitt die einzige Spur. - Gerade wollte ich mich zum Gehen wenden, da bemerkte ich einen Schatten in der offenen Tür! Es war nur das Zimmermädchen. Sie starrte erst Georg an, dann mich und lief schließlich laut schreiend davon. Im Speisesaal, den ich auf dem Weg zum Ausgang durchqueren mußte, stand die ganze Belegschaft, vorne an ein dicker Koch, hinter dessen Rücken sich das hysterische Zimmermädchen verschanzte. Anscheinend wollten sie mir demonstrieren, wie das einfache Volk trotz der jahrzehntelangen atheistischen Knechtschaft seinen Glauben bewahrt hatte, denn wie zum Abschied zeigten sie mir mit düsteren Gesichtern ihre vielen Kreuze, die zum Teil mit beachtlichem Geschick improvisiert waren; der dicke Küchenchef etwa schwenkte, mir dabei ernst in die Augen blickend, zwei riesige gekreuzte Kochlöffel. ich nickte allen freundlich lächelnd zu und trat schnellen Schrittes in die strahlende Morgensonne; ich hatte keine Zeit mehr zu verlieren: Auf nach Siebenbürgen!

Kurz hinter Klausenburg hielt neben mir ein verrosteter Lada. Da er von einem Ochsengespann gezogen wurde, hatte ich ihn nicht herantuckern hören. Die Windschutzscheibe fehlte, und ein altes Männlein steckte seinen gegerbten Kopf heraus. "Wohin?" fragte er mich auf deutsch. Ich dankte Gott dafür, daß er überall auf der Welt ein paar deutschsprechende Bauern verstreut hatte und nannte den Namen des Dorfes.

"Ich auch."

Das Hutzelmännchen war wie erwartet sehr wortkarg. Er peitschte das Ochsengespann tüchtig den schmalen Bergpfad hinauf und ich sortierte meine Indizien: Georg war ermordet worden. Vermutlich von diesem Turnschuhtyp, der mir entwischt war, und vermutlich, nein, ziemlich sicher mit der Giftnadel, die dieser Kerl in seinem Blumenstrauß auch für mich mitgebracht hatte. Naja, viel zu sortieren gab es da nicht. Der Zeitungsausschnitt! "Massenhaft AIDS in Kranken- und Waisenhäusern." Das war zwar schlimm, aber daß es Aids gab, wußte ich ja. Hoffentlich brachte das Dorf etwas neues, schließlich hatte Georg sich offensichtlich irgendwas davon erhofft.

Vielleicht hatte er sogar etwas gewußt, zuviel gewußt...

Die Sonne verschwand allmählich hinter den Bergen und mein verrunzelter Kutscher wurde ziemlich nervös; Schweißperlen kullerten durch seine Hautfalten und während ich ihm half, die Zugtiere anzutreiben, begann er mich und seine Nächstenliebe zu verfluchen: "Anders wär ich gewesen schon lang daheim und hätt nicht mehr müssen fahrn letztes Stück bei der Nacht! Jesusmariaundjosef, so helfts!" - Als wir die Dorfmauer passierten, verlöschte der letzte Sonnenstrahl; mein Fahrer sank erlöst zusammen und dankte dem heiligen Christopherus - Was zum Teufel war hier eigentlich los?! "Gestatten Sie mir, mich vorzustellen? Müller, Hans. Wissen Sie schon, wo Sie hier logieren?"

Die Tochter Theophilia, Herr Müller war Witwer, wartete in einem der geduckten Häuschen bereits mit einer gottseidank sehr wäßrigen Suppe, dem Abendbrot. Während mein Gastgeber vor sich hinschwieg, konnte ich vom Anblick der blassen, blutjungen Blonden mir gegenüber gar nicht genug kriegen. Ich brachte das Gespräch auf sein merkwürdiges Verhalten von vorhin. "Ach so", sagte er beiläufig. "Die letzten Reste von Securitate. Haben verschanzt sich hier in Bergen und kommen bei der Nacht für Raub und Totschlag." Als die Tochter ihren bezaubernden Mund öffnete, wurde der Vater laut: "Securitate! Geheime Polizisten, die nicht sein totgemacht beizeite!!! Alles andere ist Märchen!!!" Da machte die Schöne ihren Mund wieder zu. "Zeig dem Herrn seine Kammer", bat der Patriarch seine Tochter. Das Mädchen führte mich nach oben: "Hier ist ihr Zimmer." - "Und dort ist meins." Sie deutete auf eine Tür. "Kommen Sie, wenn mein Vater am lautesten schnarcht. Reisen Sie alleine?" Sie faßte mich am Arm und ich ertrank in ihren großen Augen. "Georg, - ist er tot?" Ich nickte irritiert, da schob sie mich in mein Zimmer und wandte sich ab, so wie Leute, die mit ihrem Weinen allein sein wollen.

Von dem Selbstgebrannten, der netterweise bereitgestanden hatte, war ich etwas eingedöst, doch ein ohrenbetäubendes Knarren ließ mich hochschrecken. Ein Angriff der Securitate? Doch was waren das für Waffen? Das Geräusch kam und ging. Der Rhythmus kam mir bekannt vor: Kein Zweifel, das väterliche Schnarchen. Ich schlich mich hinüber zu Theophilia. Mit kleinen roten Augen saß sie auf dem Bett. "Sie kannten Georg?". fragte ich. Sie nickte: "Wir haben zusammen im Kirchenchor gesungen. Bis zu seiner Ausreise. Er war jetzt zum ersten Mal wieder hier. In Deutschland arbeitet Georg für..." - Sie unterbrach sich. "Er arbeitete für eine Firma ... irgendwas mit Marmelade..." - "Rosapharm!" - "Ja, genau. Ich habe ihm alles erzählt. Vorgestern ist er nach Bukarest gereist, um sie abzuholen." - Soso, den Idioten in Bad Schwartau reichten meine Künste also nicht mehr aus. - "Er ist vergiftet worden", sagte ich. Dieses keusche Geschöpfchen, das da neben mir auf der Bettkante saß, war gar zu bezaubernd. Und Gummis hatten die Menschen hier, Ceaucescu sei dank, noch nicht einmal von weitem gesehen. Wieviele wohl schon den Virus in Leib hatten? Ach was, Theophilia war schließlich kein Waisenkind. Und ich hatte eine Schwäche für Pfarrerstöchter... - "Ähem, was haben Sie Georg eigentlich alles erzählt?"

Sie begann mit einer weitschweifigen Erzählung, der ich nicht folgen konnte, weil ich ständig auf ihrem exorbitant anziehenden Busen starren mußte, der sich unter ihrem Kleid abzeichnete. Ich unterbrach sie: "Sagen Sie, bevor wir uns auf die Feinheiten konzentrieren ... ähm ... darf ich Sie flachlegen!" - Sie hielt in ihrer Rede inne, schwieg kurz geöffneten Mundes, bis meine Frage zu ihr durchgedrungen war, dann sagte sie "nein" und fuhr fort. Ich war ein Idiot sondergleichen. - "Jetzt hören Sie endlich einmal zu, Victor! Wenn Sie andauernd nur ans Ficken denken, kommen Sie nie auf einen grünen Zweig!" - Das war starker Tobak. "Haben Sie sich Georg genau angesehen? Ist Ihnen irgend etwas aufgefallen an ihm?" Ich überlegte. "Was war mit seinen Augen? War das linke Auge vielleicht noch etwas geöffnet? Hatte er irgendwo einen Einstich?" Ich nickte zweimal, aber irgendwie begriff ich immer noch nichts. Theophilia dafür um so mehr: "Victor, wissen Sie eigentlich, wo Sie hier sind"? - "In Siebenbürgen." - "Richtig. Kennen Sie die rumänische Bezeichnung für diese Gegend?" - Ich zuckte mit den Achseln. - "Transsilvania!" - Mir gefror das Blut in den Adern.

Wird Victor Orloff der tugendhaften Theophilia jetzt endlich zuhören? Schafft er es vielleicht doch noch sie flach zu legen? Ist Georg tatsächlich vergiftet worden? Was hat es mit den einzahnigen Vampiren auf sich?

Fortsetzung folgt

Copyright: Bov Bjerg

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero
Nummer 02
Titelbild
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Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge IV
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