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Bov Bjerg: Berichte aus der Redaktion

oder Bißschen viel Litauen

Es gibt Tage, da kommt man morgens zu sich und ahnt, daß es nur ein Scheiß-Tag werden kann. Zum Beispiel erwachte ich neulich mit in meinem Kopf den Worten: Vytautas Landsbergis. Als ich also an diesem Morgen den Kopf mit darin den Worten und eben nur den Worten "Vytautas´´ und ´´Landsbergis´´, und zwar genau in dieser Reihenfolge, als ich den Kopf mit darin diesen Worten schüttelnd erwachte, da glaubte ich zu wissen: Das wird ein Scheiß-Tag.

Um zu erfahren, ob es mit meinem Aufwacherlebnis nicht vielleicht doch eine tiefere Bewandtnis hatte, erwarb ich auf dem Wege zum Salbader. im U-Bahnhof eine Tageszeitung, die ich, weil der Zug kam, prompt am Kiosk liegen ließ. Im Waggon schlossen mich zwei blaugewandete Menschen in ihre starken Arme, um mich mit einem ziemlich ungültigen Fahrausweis zu ertappen. In der Bank, welche aufzusuchen aufgrund dieses Vorkommnisses und des damit verbundenen Verlustes meiner annähernd gesamten Barschaft ich nunmehr alle Veranlassung hatte, bekam ich von der dortigen Angestellten oder Bankkauffrau die überdeutlich rhetorische Frage zu hören, wann denn "da mal wieder was drauf" käme. Ich gab der Dame zu verstehen, daß sie sich schon noch wundern werde und verließ, meine von zwei nervösen Händen feuchte und zerknüllte Mütze dort vergessend, empört das Geldinstitut.

Schließlich und endlich langte ich bei den Herren von der Redaktion an und konnte - jetzt muß ich schmählicherweise noch einmal das Wörtchen "endlich" verwenden - und konnte endlich, endlich, jemandem, so dachte ich jedenfalls, mein übervolles Herz ausschütten. Doch der ansonsten so treuen Seele G. fehlte.

Illustrationen von Silja Zeese

offenkundig jegliches Verständnis für meine Not: "Was du weißt nicht einmal. wer das ist?", lachte er los. Woher sollte ich auch? G. wußte es daß selbst nicht, nicht einmal wenigstens so ungefähr wie ich. Ich nannte ihn einen überheblichen Trottel und wir versöhnten uns bei einem Gläschen kühlen Malzbiers.

R. behauptete Stunden später. Vytautas Landsbergis, das oder der sei "auf jeden Fall" und "ganz bestimmt" in Litauen, wo nämlich vor dem Ersten Weltkrieg Willy Brandt die Sozialdemokratische Partei mit aufgebaut habe. A. wurde darüber fuchsteufelswild und erklärte kategorisch daß Willy Brandt "nachweislich noch gar kein einziges Mal" in Litauen gewesen sei, und daß, ob dies ein Fehler sei, auch noch sehr die Frage wäre. - Das letzte, woran ich mich erinnere, war ein kurzer Vortrag B.s der uns allen erzählte wie als vor "40 oder 50 Jahren die Russen Litauen geholt" hätten, der damalige Staatschef sich an die Weltöffentlichkeit gewandt habe, "in der Wochenschau, weil Fernsehn gabs noch nich", und zwar weil er bloß Litauisch und keine irgendwie allgemeinverständliche Sprache konnte, auf Lateinisch.

Ich dachte noch daß es "naja" doch noch ganz erbaulich und lehrreich und eigentlich gar nicht so ein richtiger Scheiß-Tag geworden sei und nickte ein. Als ich am nächsten Morgen zu mir kam. war mein von unterschiedlichsten Genüssen ziemlich weher Kopf auch überhaupt nicht in der Stimmung, irgendeinen Mist zu denken, und das war prima.

Übrigens weiß ich inzwischen natürlich daß Herr Landsbergis der Chef von Litauen ist und daß er nicht aus Lappland oder Estland kommt. Inzwischen weiß ich sogar. daß das da alphabetisch funktioniert nämlich von oben nach unten: Estland Lettland. Litauen. In Amsterdam wo ja auch das Schwarzfahren nur achtzehn Mark kostet funktioniert der dortige Dreigrachtengürtel übrigens von innen nach außen genauso: Heren - Keizers - Prinsengracht. Wer noch mehr Beispiele kennt soll ich abschließend ausrichten, der möge sie doch zu Nutz und Frommen der Volksbildung bitte der Redaktion mitteilen.

Copyright: Bov Bjerg

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero
Nummer 03
Titelbild
Vorrede
Bov Bjerg: Berichte aus der Redaktion Bov Bjerg: Kackvogel der Saison: Gg. G. Siegfried Löwy: Zuspruch für Krenz Kvara Bistroj: Die Salbader.- Worterklärung Hans Duschke: Glotzen als Lustgewinn Kvara Bistroj: Drei Anekdoten (I.) Hans Duschke: Mehlbeutel des Monats Ciao Tsheskou: Über das Entwenden von Mercedessternen Hinnerk Casanova: Fernsehn? Ich tu´s!! Hans Duschke: Klaus, der Papst und die IRA Heinrich Muoth: Diegicht Hans Birger: Frühlingsgefühle Hans Birger: Wie´s so läuft Roland Oelfke: Hier geht es ums Verrecken Frantisek Depping: Sie schweigen Kvara Bistroj: Drei Anekdoten (II.) Heinrich Muoth: Von Vätern und Söhnen Tristan von Sinnen: Ein Kaffee zu zwein Andreas Scheffler: Haltlos
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge V
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