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Siegfried Löwy: Zuspruch für Krenz

Stellen wir uns vor, der Mannheimer Fußballspieler Uwe Freiler wird von seinem Mannschaftskollegen Thomas Frank, der ihm vielleicht seit kurzem spinnefeind ist, im eigenen Strafraum niedergestreckt. Das ist schon bitter. Aber stellen wir uns weiterhin vor, daß mit einem Mal alle 23 übrigen Spieler über den benommen am Boden liegenden herfallen und entfesselt dreinschlagen, daß er möglichst gar nicht mehr hochkommt. Als Grund geben sie später mehrere Fouls aus der Vergangenheit des Herrn Freiler an, und Trainer sowie Vorstand sprechen die sofortige Entlassung aus. Absurd. - Nun, Im richtigem Leben heißt Herr Freiler Egon Krenz.

Illustrationen von Silja Zeese

»Der einst Mächtige - ziemlich fertig« titelte im April die Süddeutsche Zeitung und berichtete über die vergeblichen Versuche des 53jährigen, aus seinem Buch »Wenn Mauern fallen« öffentlich vorzutragen. Statt kritischer Rezeption des Zeitzeugnisses erntete er nur Ohrfeigen und wirrige Proteste losgelassener DeutschbürgerInnen, die in ihrem "gesunden Volksempfinden" der Nichts-als-Rache freien Lauf ließen. Da halfen auch Einsprüche von Jusos, SPD und Jungen Liberalen nichts. Egon Krenz ist am Ende, er mag nicht mehr. kann nicht mehr und will auch nicht mehr. - Verständlich.

Wer vom Spiegel als trunksüchtiger Trottel, vom CSU-Generalsekretär Erwin Huber als Monster diskreditiert wird, der kann nur mit meinem Zuspruch rechnen. Ich halte es nämlich mit Peter Rühmkorf: "Auch wo es sich im Medium der Poesie entfaltet, kann ein Subjekt unserer tieferen Anteilnahme nur gewiß sein, wenn wir einen Menschen sich Lebendigen Leibes in die Umstände verwickelt sehen. dann erst sich e n t - wickeln, sich entfesseln. sich befreien, sich herausschälen." Wer sein Leben lang in muffigem Räumen zugebracht hat. der nimmt den Mief nicht wahr und kommt auch nicht auf die Idee zu lüften. Daß Egon Krenz in seiner kurzen Zeit als Generalsekretät immerhin ein Oberlicht geöffnet hat. muß ihm hoch angerechnet werden. Wird aber nicht! Krenz Bemühungen zur aufrichtigen Diskussion (III nach 9) werden durch tümelnde Schimpftiraden fernsehbetroffener DemokratInnen verhindert. Die Schlammschlacht wird forciert. Bischof Forck versucht sich zu profilieren, indem er Krenz vor Gericht fordert. Schnöde. Die stumpfdeutsche Doppelmoral zeigt sich wieder einmal von ihrer miesesten Seite. Hier verdient ein Steuerbetrüger als FDP-Vorsitzender. dort wird ein kurzfristiger Staats-Notnagel zum Sozialfall. Keine Partei, keine Arbeit, kein Geld, als gelernter Lehrer keine Einstellungschance und publizistisch ein Quasi-Berufsverbot im Namen des Volkes.

Oder ändern sich die Zeichen? »Krenz überlegte lange in der Wahlkabine«, schlagzeilte Bild am 7. Mai. Mag man ihm etwa Lernfähigkeit zuerkennen?. Wohl kaum. wenn schon nicht mehr als Ungeheuer, so wird er mindestens als lächerliche Figur herhalten müssen.

Und wenn ich der einzige bin: Herr Krenz. Sie haben meine volle Sympathie.

Copyright: Siegfried Löwy

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero
Nummer 03
Titelbild
Vorrede
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Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge V
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