Hans Duschke: Glotzen als Lustgewinn
Kreuzberg. 1. Mai
"Gehst Du dieses Jahr zum 1. Mai?"
"Na klar. Es muß sein. Es muß sein."
Um 19 Uhr betreten wir den Lausitzer Platz. jetzt kann´s losgehen, wir sind da, vielen Dank, daß ihr auf uns gewartet habt. Wir treten auf den Platz und sehen auch schon links von uns Rauchschwaden aufsteigen. Na also! Wir laufen los - es ist aber nur ein Bratwurststand, was für eine Enttäuschung. Na, vielleicht verkaufen die auch Bier.
Aber es stehen hier schon Hunderte herum, Schlachtenbummler wie wir. Hier sind wir richtig. Wir setzen uns auf die Stufen der Kirche - im Schutz der Religionsfreiheit ein Tribünenplatz, dies Privilegium, diese Sicherheit weiß man jetzt zu schätzen - und brauchen nicht lange zu warten. Der erste Stein: ich hab´ ihn gesehn. Das Spiel ist eröffnet.
Der Fortgang und auch das Ergebnis stehen von vorn herein fest. Steinwürfe, Tränengas, Wasserwerfer, Barrikaden, »Knüppel frei«. Nur der genaue zeitliche Ablauf bleibt ungewiß. Und daß es jetzt gleich losgehen soll. bewirkt einen euphorischen Spannungszustand, der Blutdruck steigt und fast vergessene Hormone werden ausgeschüttet. Nach fünf Minuten ist es soweit. Ein zaghafter Steinhagel begrüßt die erste Wanne. Jetzt kann es losgehen. Die Menge, die sich - sehr brav - auf den Bürgersteigen versammelt hat, wird nicht enttäuscht. Fünf Wannen haben es auf sich genommen, im Schrittempo vorbei zu fahren. Unser Tribünenplatz hat sich bewährt. Schon fahrt ein Wasserwerfer auf - ein taktisch früher Einsatz - und sorgt für die richtige Atmosphäre. Ab jetzt geht´s rund. Sonnenuntergang.
Wir wandern jetzt hin und her. der action hinterher - Furcht und Neugier halten sich die Waage. Und als wir gerade wieder beratschlagen, wohin wir uns nun wenden sollen, wo´s was zu glotzen gibt, finden wir uns dummerweise zwischen den Fronten wieder. Die Bullen hinter uns stürmen los, von der anderen Seite fliegen Steine - auch in unsere Richtung! Kurzfristig herrscht Chaos.
Die Stämme führen ihre magische Musik auf-. das Klackern der Pflastersteine aneinander; auf die Durchfahrt der nächsten Wanne wartend und dann - überraschend und bedrohlich -, wie dumpfe Knallfrösche, das Trommeln der Schlagstöcke auf den Schildern. Die Kriegssimulation nimmt immer mehr Züge des realen Lebens an. Ein besseres. einfacheres Leben taucht auf. Ein Leben voller Wagemut und Abenteuer. voller Gefahr und Freiheit. Ein Leben ohne Rationalismen, ein Horchen am Puls der Masse. mit der man jetzt eins werden kann. Jetzt ist die Zeit einzutauchen in Adrenalin und Instinkt. das Gespenst der Freiheit zu fühlen. Kein Vorwand oder Anlaß ist notwendig, IWF und Wohnungsnot interessieren erst morgen wieder (wenn überhaupt). hier wird nichts vermittelt, hier wird gefeiert. Es ist der anarchische Rausch in seiner reinsten Form.
Gegen halb Zwölf muß ich den Schauplatz des Glücks verlassen, zurück in die echte Welt. Ich bin erschöpft. weniger körperlich als seelisch... Dies rauschhafte Gefühl - Orgasmus der Freiheit - kann einen schon schaffen, wir sind es ja nicht gewohnt. Nur eins bleibt bedauerlich: mühsamer wird es Jahr für Jahr, dieses Gefühl zu erreichen.