Heinrich Muoth: Diegicht
Das leere Blatt vor mir
oder:
Diegicht
Junge Dichter gibt es viel im Land.
dies läßt sich wohl so sagen,
fast nimmt das Dichten überhand,
wer will, mag dies beklagen.
Sie schreiben meist von Schmerz und Leid,
doch mal von Wonnen auch,
zum Sterben sind sie stets bereit,
so ists bei Dichtern Brauch.
Es peinigt sie ein innrer Drang,
erfüllt ihr Herz mit Trübsal,
der fesselt sie oft tagelang
und fordert rechte Mühsal.
Mal kommt das Drangsal über Nacht,
mal ists ein stetig Schwellen,
doch ist der Funke erst entfacht,
kanns niemand mehr abstellen.
Selbst wenn das Werk auch die bedauern,
für die es mal geschaffen,
wird dies den Zwang nur untermauern,
Verkennung ihn noch straffen.
So muß es also immer bleiben,
wir wem des Dichtens nimmer satt,
wir müssen schreiben, schreiben, schreiben
und sei es übers leere Blatt.