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Heinrich Muoth: Von Vätern und Söhnen

In Siegandswiesen, einem kleinen Ort im Fränkischen, dessen Einwohner sich bis heute eine gesunde Einfalt zu erhalten vermochten, soll sich, wie mir zugetragen wurde, folgendes verwunderliche Geschehen zugetragen haben.

Seit langen Jahren und Zeiten verhält es sich in Sieglandsbach so, daß es alleine einen einzigen Metzgermeister im Orte gibt, welcher neben seiner Fleischerei auch noch eine Gaststätte für gutbürgerliche Genüsse unterhält. Der beflissene und lebensfrohe Hubert Kurenbäster hatte beides von seinem Vater ererbt, dieser wiederum von dem Großvater, jener vom Urgroßvater und so fort.

Dieser Hubert Kurenbäster nun besaß wohl alle Eigenschaften und Qualitäten, gerade so, wie sie sich für einen rechten Metzgermeister geziemten. Zwischen seinen breiten Schultern schlug ein warmes Herz, hinter dem grobschlächtigen Gesicht ruhte sein einfacher Verstand und unter der heftig gewölbten Bauchdecke verbarg sich ein wollüstiger Magen.

Nun mag wohl jeder denken: Ach, was für ein glücklicher Mensch muß dieser Metzgermeister doch gewesen sein, so erfüllt und zufrieden. Doch hier soll der geneigte Leser irren.

Der Metzgermeister hatte nämlich nur einen Sohn, und gleichwohl er sich in jeder nur erdenklichen Weise mühte, diesem die Grundbegriffe genauso wie die diffizilsten Geheimnisse der Fleischhauerkunst beizubringen, begriff der dümmliche Spruß doch schier gar nichts. Und als wäre dies nicht bereits genügend schlimm, verabscheute der undankbare Jüngling auch noch den Verzehr toten Getiers, ja spielte längst mit dem Gedanken, sich dem Vegetariertum anheim fallen zu lassen.

Schon drohte der arme Schlächter gänzlich zu brechen, als ihm der rettende Einfall kam. Im Waisenhaus von Treugelsbach lebte nämlich der vaterlose Sohn einer jungen Schneiderin, die zuzeiten noch während der Geburt verschieden war. Der Bursche durfte sich, ohne es zu wissen, eben so sehr als Sohn des Kurenbästers fühlen wie der mißratene eheliche Sproß.

Also reiste der Metzgermeister nach Treugelsbach, fand den Jungen und weihte ihn in alles ein. Das reife Kind hatte schon früh durch des Lebens härteste Schule gehen müssen, und so bedachte er sich nicht lang, sondern willigte flugs in den verzweifelten Plan des Kurenbästers ein. Noch am Abend verschwand der wache Bursche auf nimmerwiedersehen aus der Anstalt.

Als am nächsten Morgen der unbrauchbare Sohn wieder lust- und kraftlos durch die Schlachtehalle schlich, tat der Metzgermeister, was sein Herz ihm befahl. Just als der unglückselige Sproß sich vorbeugte, um eine Schweinehälfte vom Zuschneidetisch zu heben, just da wuchtete ihm der gepeinigte Vater voll freudiger Erleichterung einen Fleischerhaken derart ins Genick, daß der Getroffene schon nach kurzem Zucken, Zappeln und Schreien leblos zu Boden fiel. Sogleich zog der Vater ihn auf seinen Tranchiertisch, zerteilte den blutigen Körper nach bester Metzgerart, warf Knochen und Gedärme weg, verarbeitete den Rest zu würziger, frischer Wurst und bereitete alsbald noch eine leckere Schlachteplatte für den Pfarrer.

Seinem neuen Sohn, der dem alten ohnehin ausgesprochen ähnlich sah, richtete er noch ein wenig das Haar und gab ihn fortan als den ehelichen aus. Dieser wiederum spielte seine Rolle so gut, daß bis heute niemand den Schwindel bemerkte.

Die Wurst hingegen verkaufte der Kurenbäster gegen gerechten Lohn an seine Kunden, denen sie denn auch recht wohl mundete. So erwies das unsägliche Kind dem Vater am Ende doch wenigstens diesen einen braven Dienst.

Was nun lernen wir daraus?

  1. Längst nicht jedes Kind nimmt es mit dem Gebote, Vater und Mutter zu ehren, so genau, wie man es denken sollte.
  2. Manch jugendlicher Fehltritt erweist sich in späten Jahren noch als rechtes Glück.
  3. Die Kunde vom Vegetariertum, daß es so gesund sein solle, muß durchaus nicht immer stimmen.
  4. Von so vielem, was man nie probiert, erfährt man auch nie, wie gut es bekommt.
  5. Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.

Illustrationen von Silja Zeese

Copyright: Heinrich Muoth

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero
Nummer 03
Titelbild
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