Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 03/1990 Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge V
Artikelaktionen

Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge V

Was bisher geschah:

Im Auftrag des Pharmariesen »Rosapharm Bad Schwartau« sucht der Privatdedektiv Victor Orloff die Pflanze, die Aids besiegt. Eine Gummiallergie stärkt seine Motivation. In der letzten Folge führte ihn eine vage Spur (und ein vertrottelter Autor?) nach Rumänien. Er fand Unterkunft bei einem alten Rumänen und seiner blutjungen Tochter.

Illustrationen von Silja Zeese

Folge V: Blut - die Verschwörung

von Test A.User ins Deutsche übertragen von Hans Duschke

Stille weckte mich. Zehn Uhr morgens und kein Laut zu hören. Keine kleinen Geräusche: Anna. die schöne Pfarrerstochter, bei ihrer Beschäftigung in der Küche, vielleicht ein altes Siebenbürger Volkslied singend, mit ihrer glockenhellen Stimme. Nichts. Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen. Steckte die erste »Karo« zwischen die Lippen, stand auf und stieg die steile Treppe hinunter. Kein Laut, gespenstische Stille. In der Küche nur ein alter Messingkessel über offenem Feuer. Ich wurde unruhig. Vorsichtig öffnete ich die Tür zur guten Stube. Dort lagen die beiden, Vater und Tochter, auf dem Wohnzimmertisch, wie auf gebahrt, tot! Ihre Haut bleich wie ein Schmetterling. Außer einem Einstich in der Nähe ihrer Halsschlagadern war keine Verletzung zu erkennen. Also doch Vampire? Hier in Transsyvanien... Aber bei diesen beiden war alles mit rechten Dingen zugegangen. Mit modernster Technik hatte man ihnen das Blut ausgesaugt, eine kleine Ampulle mit Antigerinnungsmittel der Beweis: das einzige, was in diesem Haus an das 20. Jahrhundert erinnerte. Ich hatte die Schnauze voll: zu viele Leichen in letzter Zeit.

Mir war schlecht. Ich mußte telefonieren. Ich trat also aus dem Haus - Schnee glitzerte von den nahen Bergen in der Morgensonne - und machte mich auf den Weg ins Dorf. Dort würde, beim Bürgermeister oder im Ex-Securitate-Gebäude, sicher ein Apparat stehen.

Auf dem Dorfplatz war kein Mensch zu sehen. Ich schritt auf das einzige halbwegs stattliche Gebäude der Gemeinde zu, ein grauer, zweistöckiger Klinkerbau, an dem einige Einschußlöcher frühere Aktivitäten anzeigten. Am Pförtner vorbei, der mir Unverständliches nachrief, hastete ich die Treppe hinauf in den ersten Stock. Dort ein langer Gang mit Bürotüren. Auf gut Glück öffnete ich eine, das Büro war wie erhofft leer. Meine letzten russischen Brocken mußten mir jetzt helfen. Ich nahm den klobigen, schwarzen Hörer in die Hand und rief. "Dajte mnje svjaz! Ustanovite s FRG! 0451284729."*

Endlich, nach langem Warten hatte ich die Verbindung. Eine junge Frauenstimme meldete sich: "Rosapharm, Bad Schwartau. Wer ist dort bitte?" - "Orloff. Victor Orloff." - "Aber, ich dachte Sie wären ... einen Moment bitte." - "Geben Sie mir Klingbeil, ich hab´s eilig!" - "Tut mir leid, Herr Klingbeil ist gerade zu Tisch. Kann ich etwas ausrichten? Worum geht es denn?" - "Aids. das ist mein Job." - "Entschuldigen Sie. ich verstehe Sie so schlecht. Können Sie das vielleicht buchstabieren." - »A wie Arschwichser, I wie Idiotin, D wie dämliche und S wie Schlampe." Ich knallte den Hörer auf die Gabel. Ich würde nach Bad Schwartau fahren und dem Pack von Rosapharrn den Kram vor die Füße schmeißen. Sollten sie doch sehen, wie sie ohne mich zurecht kamen.

Als ich wieder auf den Marktplatz trat, fuhr eine schwarze Limosine vor. Ein Seitenfenster wurde geöffnet und eine MP in Anschlag gebracht. Auf mich! Ich warf mich auf den Boden, ein Querschläger versetzte mir eine kleine Schramme, und schon war der Spuk vorbei. Eine Verwechselung?

Verwirrt machte ich mich wieder auf den Weg, meine Sachen abholen, ein Ticket besorgen und ab nach Bad Schwartau.

Schon von weitem bemerkte ich den Rauch. Ich beschleunigte meine Schritte und bald stand ich vor meiner Unterkunft. Das kleine Häuschen war vollständig in Flammen aufgegangen: Professionelle Arbeit. Es hatte keinen Sinn, noch irgend etwas retten zu wollen.

Illustrationen von Silja Zeese

Mein Geld. Ausweis, meine Ausrüstung, der letzte Bommerlunder - alles verbrannt: und für Anna, die Pfarrerstochter, eine Feuerbestattung. Ich überlegte, was nun zu tun sei, als dieselbe schwarze Limousine hinter einer Böschung hervorkroch. Zielrichtung: Victor Orloff!! Ein baufälliger Schweinestall diente mir als Versteck. Die Limousine fuhr vorbei.

Ich nahm mir einen glimmenden Holzscheit, steckte mir eine Karo an und begann zu grübeln: In Rumänien lief offensichtlich alles schief, und ich würde es den Rosapharmtrotteln schon unter die Nase reiben, wenn ich hier erst mal raus wäre.

Illustrationen von Silja Zeese

Schließlich fand ich eine Straße, vielleicht eine Art rumänische Autobahn, die nach Westen führte und machte mich auf den Weg. Ich versuchte zu trampen, aber niemand hielt. Hunger begann mich zu quälen. Schließlich kam am Horizont eine Straßensperre in Sicht. Eine lange Reihe wartender LKWs, als letzter ein großer Kühlwagen mit der Aufschrift: -Im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes-, darunter, halb überklebt: -Rosapharm, Bad Schwartau-. Er hatte wohl medizinische Hilfsgüter transportiert und war nun auf dem Rückweg. In so einem LKW ging es auch ohne Paß. Kaum Kontrollen, direkt nach Haus, optimal. Ich kroch in den Kühlraum und verschloß die Tür von innen. Aber der Truck war nicht leer. Bis zur Decke war er angefüllt mit Blutkonserven, in Glasflaschen verpackt. Der Wagen fuhr an. Jetzt arbeitete auch die Kühlanlage wieder. 4° Celsius, optimale Lagertemperatur. Also doch nicht Heim ins Reich? Ich warf einen Blick auf die Etiketten: Neben Datum, Blutgruppe und Rhesus-Faktor war eine Markenbezeichnung aufgedruckt, die ich noch nie gesehen hatte: »Retorhiv+«.

Kalt war es. Aber plötzlich schreckte ich auf »Retorhiv+«! Irgend ein Trottel, der die Rechtschreibung nicht beherrschte. Es hieß natürlich: »Retour: hiv positiv«. Mein Hirn arbeitete fieberhaft: all das Blut, der moderne Vampirismus, Anna, so schneeweiß. Plötzlich verlor ich das Gleichgewicht, ein Unfall! Gläserklirren, rote, klebrige Feuchtigkeit überall. Alles brach über mir zusammen.

Illustrationen von Silja Zeese

Als ich wieder zu mir kam, lag ich inmitten von Blut, verseuchtem Blut und Glasscherben. Dann ging die Ladeklappe auf. Ich war geblendet und konnte den Mann dort nicht erkennen. Er aber sah mich sofort: "Hej, Sie da, kommen Sie da raus, wir hatten einen Unfall." Nun, so schlau war ich selber. "Das Blut, das Blut!", stammelte ich. "Nun machen Se sich ma´ nich´ in ´ne Hose, wa. Det Blut is´ einwandfrei. Aids, - det is´ doch nur wejen der Tarnung. Auch det janze Rot-Kreuz Brimborium." Ich kroch aus dem Laderaum und, nachdem ich wieder halbwegs beieinander war, verlangte ich eine Erklärung. "Na. seh´n se mal", begann der Fernfahrer," die Jungs da bei de´ Rosapharrn, die ham da wat janz dolles ausjebrütet, wejen de Forschung, wejen Aids. wissen ´se? Da brauchen se ´ne Menge Frischblut, wa. Und wir ab nach Rumänien, wa, so´n bißchen aussaugen, die Rumänen, wa." Fünfzig Spezialisten hatte Rosapharrn nach Rumänien geschickt, zum -Aussaugen-, und er war einfach auf einem der wöchentlichen Routinetrips nach Bad Schwartau - die Ernte.

Ich schlug ihn k.o., machte den Lastwagen wieder fit und machte mich - endlich wieder mit Papieren, wenn auch falschen - auf nach West-Deutschland.

Reibungslos passierte ich alle Grenzübergänge und fand mich, 36 Stunden später, kurz vor dem Hamburger Elbtunnel wieder. Die ersten Stunden hatte mein LKW eine Blutspur hinter sich her gezogen. Aber das war vorbei. Ohne Schlaf im 16-Tonner durch die Landschaft zu donnern mag zwar eine Gefährdung der Umwelt sein, aber was kümmert´s mich?! Zwei Stunden noch, dann würde ich Klingbeil gegenüber stehen, und dann würde er was zu erklären haben: Blut, moderner Vampirismus und Mordanschläge auf seinen -besten Mann-: mich.

Autobahn-Ausfahrt Bad Schwartau: Der Gestank von Marktwirtschaft und Abenteuer: schweflige Erdbeer-Gülle und der Rauch der Kirschkern-Verbrennungs-Anlage lag über dem Ort. Neben dem Geländekomplex der Marmeladen- und Genußmittelfabrikation lagen die Rosapharm-Forschungslabore und -Kleintierzuchtstationen. Dann die Vorstandsvilla, ehemals Eigentum derer Von-und-zu: ich stürmte hinein. Klingbeils Reich lag im Seitenflügel, zweiter Stock, und nachdem ich die Gemäldegalerie auf den Fluren ausgiebig bewundert hatte, betrat ich sein Büro.

Im Vorzimmer war niemand, aber die Tür zu seinem Reich war einen Spalt geöffnet, und ich konnte Klingbeils trägen Baß erkennen. Aber die andere, diese Frauenstimme?, die kannte ich doch auch...

"30 000 hatten wir ausgemacht!", der Baß. "Zahlbar bei Erfolg", eine kräftige Frauenstimme antwortete. "Und: Mit Orloff ist´s zu Ende." - "Sie wissen, wie dankbar ich ihnen bin, Miss Latex. Victor Orloff war für unsere Firma schon lange nicht mehr tragbar. Ein veraltetes Modell mit einem Moral-Defekt im Getriebe." - "Und in Rumänien haben wir ihn jetzt abgelegt - endgelagert." - "Darauf lassen Sie uns anstoßen." Schon wieder Gläserklirren. Ein dumpfes Brausen erfüllte den Raum zwischen meinen Ohren. Hände und Füße wirkten wie eingeschlafen. Denkvorgänge fanden nicht mehr statt. Klingbeil. mein Boß und alter Kumpel noch aus den guten Stasi-Zeiten und Sylvie Latex, Agentin von Rubber International: ewige Feindschaft hatte sie mir geschworen.

Fortsetzung folgt


*) "Eine Verbindung ins Ausland. Ich hab´s eilig. Westdeutschland. 0451284729"

Copyright: Hans Duschke

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero
Nummer 03
Titelbild
Vorrede
Bov Bjerg: Berichte aus der Redaktion Bov Bjerg: Kackvogel der Saison: Gg. G. Siegfried Löwy: Zuspruch für Krenz Kvara Bistroj: Die Salbader.- Worterklärung Hans Duschke: Glotzen als Lustgewinn Kvara Bistroj: Drei Anekdoten (I.) Hans Duschke: Mehlbeutel des Monats Ciao Tsheskou: Über das Entwenden von Mercedessternen Hinnerk Casanova: Fernsehn? Ich tu´s!! Hans Duschke: Klaus, der Papst und die IRA Heinrich Muoth: Diegicht Hans Birger: Frühlingsgefühle Hans Birger: Wie´s so läuft Roland Oelfke: Hier geht es ums Verrecken Frantisek Depping: Sie schweigen Kvara Bistroj: Drei Anekdoten (II.) Heinrich Muoth: Von Vätern und Söhnen Tristan von Sinnen: Ein Kaffee zu zwein Andreas Scheffler: Haltlos
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge V
Was die anderen schreiben
Impressum
Mehr…
 

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: