Bov Bjerg: Berichte aus der Redaktion
Diese oder jener mag ja denken, es sei der Salbader. völlig beispiellos und ohne jedes Vorbild. Erwiesenermaßen ist solches aber keineswegs der Fall. Denn wer des nachts, lange nach der Geisterstunde, die nur allzuoft noch hellerleuchteten Fenster im obersten Stockwerk des Salbader.-Hochhauses nicht schamhaft übersieht, sondern einzutreten wagt, wiewohl ihn oder sie zunächst nichts erwartet als die bereits hinreichend wirren Blicke der Herren Redaktöre, wer also dennoch zu dieser ausgelassen fabulierenden Runde zu setzen sich traut, dem oder der kann es passieren, daß man ihm bzw. ihr folgende Sage erzählt:
Vor Hunderten und Aberhunderten von Jahren begab es sich, daß von vier verschiedenen deutschen Stämmen vier junge Männer, von jedem Stamme folglich einer, daß also diese vier jungen Männer aufbrachen - noch nichts von einander ahnend, die einen vom Süden und Westen, die andern vom Norden - um gen Osten zu ziehen, ihr Glück zu machen im Lande der Wenden. Ein jeder wanderte so vor sich hin, mit nichts als Hammer und Meißel bewaffnet, bis sie wie durch Wotans Fügung sich auf einer lehmigen Lichtung im Walde bei dem Städtchen Spandow trafen.
"Bei Wotan", riefen sie aus. "hier wollen wir lagern und unter uns von gleich zu gleich den besten Meißelschwinger küren!" Bei den vier jungen Männern nämlich handelte es sich um leidenschaftliche Verseschmiede, hier mit jugendlich sympathischer Respektlosigkeit als "Meißelschwinger" bezeichnet. - "Wer holt den Met?", fragte Andras von Guotherslohe in die vom langen Wandern durstige Runde. Zusammen mit Rudolf, dem bartlosen Sweben, machte er sich auf den Weg, und nach wenigen Tagen waren die beiden wieder zurück, auf den starken Schultern etliche Schläuche kräftigen Gerstensaftes und ganze Bataillone von Karaffen mit gewürztem Wein.
Nun klirrten und krachten die Hammerschläge durch den Wald, daß die Steinbrocken nur so flogen. Drei Tage und drei Nächte schwangen die tapferen Dichter den Meißel und hieben ihre Werke, wahre Schätze der Unvergänglichkeit, in Tafeln aus Stein - um am Morgen des vierten Tages schließlich mit schwerem Kopf und tauben Händen erschöpft zurückzusinken: "Los jetzt, vorlesen!", drängte ungeduldig Birgar der Friese. Gerhard mit dem Barte, ausgestattet mit jener, den niedern Sachsen vom diepen Holze eigentümlichen Gelassenheit, welche von der Gewöhnung an die Schrecken des Waldes und die Tücken des Moores rührt, Gerhard mit dem Barte aber mahnte zur Besonnenheit.
Andras der Mähnige sollte den Anfang machen, dies tat er auch und siehe da: Einen hinreißend fein stabgereimten Minnesang gab der talentierte Troubadour vom Stamme der Westfahlen zum besten und erntete damit ein großes Hallo.
Auch der weißwimprige Birgar wußte in wenigen weisen Runen Wesentliches über das Weib als solches zu sagen, nach Art der Friesen freilich ohne Schnörkel und mit gern goutiertem Saft.
Als Dritten in der Reihe bestimmte man Gerhard von dem diepen Holze, welcher seine heiter-ausladende Geschichte mit ebensolchen Hand- und Armbewegungen vorzutragen verstand. Der Redeschwall des niedern Sachsen endete im allerseitigen Gelächter.
In dem Epos schließlich, welches Rudolf von der Sweben Berge las, wimmelte es höchst schaurig von Ekelbolden und bösen Geistern so schaurig gar, daß das Auditorium dort im tiefen Walde noch etwas enger zusammenrückte.
Nein, dies schien überdeutlich am Ende des Tages: Einen Sieger zu bestimmen war gänzlich unmöglich, zu hohe Kunst war alles Gehörte und allzu verschieden von Art. Also kamen die vier jugendlichen Meistermeißler überein, sich fortan in jedem Jahr auf jener lehmigen Lichtung bei Spandow im Lande der Wenden zu versammeln, um gemeinsam einige Steintafeln zu behauen, mit Hilfe derer in den deutschen Landen auch das Gemeißel der ferneren Stämme verbreitet werden und so zu Ehre und Ruhm gelangen sollte. Dies geschah.
"Und", so pflegt Herr Winter diese Sage stets zu beenden. "und so kommt es, daß unsere Vorgänger - der weißwimprige Friese Birgar, der mähnige West-Fahle Andras, Gerhard mit dem Barte, der unerschrockene niedere Sachse, und der bartlose Rudolf von der Sweben Berge - daß diese unsere Vorgänger die deutsche Sprache maßgeblich einten." - "Wieso Vorgänger?", unterbricht Herr Scheffler für gewöhnlich an dieser Stelle. "sind wir es nicht vielleicht gar selbst, die die Jahrhunderte überdauert haben?" - "Na, eines jedenfalls ist klar", führt Herr Winter fort, und die Herren Hansen, Böttcher, Scheffler fallen im Chor mit ein: "Als Luther und Goethe auf den Plan traten, da hatten jedenfalls wir die gröbste Arbeit längst getan!"