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Bov Bjerg: Mehlbeutel des Monats

He, Exilanten in spe, aufgepasst! Kennt Ihr Frau Linksmichel? - Das solltet Ihr aber. Denn sie ist eine von euch.

Es werde immer schlimmer, und man müsse sich wohl bald nach einem Land "zum Ausweichen" umschauen, erzählt Frau Linksmichel neuerdings jedem, der es hören will oder auch nicht. Neulich, in der Nacht zum dritten Oktober, da sei ihr unterm Brandenburger Tor, "so ein Faschist" sogar auf die Füße getreten; und das sei sicher erst der Anfang! Dabei vibriert ihre Stimme, aus ihren Augen aber blitzt Abenteuerlust und die freudige Erwartung eines weniger öden Lebens: Nach Mexiko vielleicht, wie Trotzki? Etwas Spanisch spricht sie ja noch von damals, vom Kaffeebohnenzupfen in Nicaragua. Oder einfach, wie Ernst Reuter, in die Türkei? Wer war denn nochmal schnell Ernst Reuter? Na, jedenfalls sind die Leute dort irre gastfreundlich. Obs die süße Pinte noch gibt, da in dem Kaff, wie hieß das doch gleich? Mann, was war das ein Suff damals, fürn Appel undn Ei! - Oder Amiland? Los Angeles wär geil! "Äll-Ey..."

Einmal im Leben so richtig Not leiden und wissen, wofür man da ist. Kämpfen fürs andere, fürs bessere Deutschland. Einmal im Widerstand sein, aber so richtig. - Flammende Rundfunkansprachen: "BBC Worldservice. This is London. - Deutsche Hörer! Hier spricht Frau Linksmichel!"

Als Kurier mit falschem Paß nach Berlin, Waffen und geheime Dokumente im Koffer unter dem doppelten Boden.

Sich im Ausland bei Stehpartys vorstellen mit den Worten: "Guten Tag, Linksmichel mein Name. In der Nacht, bevor sie mich holen wollten, bin ich über die Grenze. Meine ganze Familie sitzt im KZ." - Dabei eine Träne aus dem Auge quellen lassen.

Das Allerschärfste: Leichte Folterspuren vorweisen zu können, die einen ein für allemal als Helden, als guten Deutschen zeichnen. Oder wenigstens etwas Gasgeruch in den Kleidern. Leicht angesengtes Kopfhaar, vom Krematorium...

Kürzlich, es ging ihr wieder einmal so richtig beschissen, traf Frau Linksmichel auf M., einen "geflohenen Genossen aus dem Iran": Der Vater noch unter dem Schah eingekerkert und hingerichtet, die drei jüngeren Brüder im Golfkrieg zerfetzt, die Mutter vor kurzem von "Revolutionswächtern" entführt und seitdem verschwunden. "Ach", seufzte Frau Linksmichel ihn an, "hier in Mitteleuropa ging bis jetzt doch echt nix ab. Aber das wird sich gottseidank ändern. Fünfundzwanzig Jahre hab ich auf diesen Augenblick gewartet! - Was glaubst du, wie ich dich beneide... So ein interessantes Leben!" - Da soll er ihr eine gescheuert haben, erzählt Frau Linksmichel empört, "der rüde Kerl, der Pascha der."

Copyright: Bov Bjerg

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero

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