Hans Duschke: Klaus über die Krise der Linken
Klaus weiß einfach alles. Letztens hat er mir wieder ´n Vortrag gehalten:
Klaus über die Krise der Linken
Das weitverbreiteste Phänomen der kritischen Intelligenz, das ist - mal wieder - Selbstmitleid und Betroffenheit. Diesmal aber geht´s um´s Ganze: gewichtige Fragen werden aufgeworfen und - in den Raum gestellt, z.B. "Ist bzw. war Stalin links?", - es geht darum, ob wir noch links sein sollen und wollen und was das überhaupt bedeutet.
Ich kann mir genau vorstellen, wie das abläuft. Mit weimerlichem Pathos geschmückt hält einer dieser durchaus gutwilligen Menschen eine Rede. Er ist vielleicht nicht der Intelligenteste; wenn ich "Brillant" sagen würde, spräche ich von jemand anderem, aber das ist vielleicht ein Vorteil, wenn man an sein Publikum denkt.
Und das geht dann so.
"Ich war immer ein Linker. Wenn ich zurückdenke: Ich war immer auf der richtigen Seite. In einer meiner frühesten Kindheitserinnerungen stehe ich vor einem Rundfunk- und Fernsehgeschäft und freue mich darüber, daß das Mißtrauenvotum gegen Willy Brandt gescheitert ist. Damals war ich 8 Jahre alt. (Wir waren so arm, daß wir uns keinen Fernseher leisten konnten.)
Später, auf dem Gymnasium, habe ich gegen Atomkraft gekämpft und an der Schülerzeitung mitgearbeitet. Und demonstriert. Das hat mir immer viel Freude bereitet. Ich war auch mal bei Hausbesetzungen dabei. (Ja. ja, der Häuserkampf.) Und als an meiner Uni gestreikt wurde, stand ich an vorderster Front - jawoll!
Ich kann mich noch erinnern, daß ich gegen die Wiedervereinigung war und immer noch - nicht immer, aber immer öfter - trinke ich Nicaragua-Kaffee. Einmal hab´ ich sogar gespendet: für "Waffen für EI Salvador".
Ich weiß nicht genau, wie es begann, aber es muß mit dem Verschwinden des "real existierenden Sozialismus" zu tun haben, auf einmal kamen mir Zweifel. Und ich schaute mich um, und allen anderen ging es genauso. Überall, in allen Zeitungen und Zeitschriften, sogar im Fernsehn, meldeten sich meine Vordenker zu Wort, dachten nach und stellten alles in Frage: sich selbst und ihr Weltbild und all so was. Und mit ging´s genauso. In mir machte sich ein gesellschaftlicher Prozeß breit, der Zeitgeist hatte mich mal wieder gepackt.
Und dann hab´ ich angefangen nachzudenken, wie das alles so ist, mit der Politik und der politischen Theorie und mit der Utopie. Ja, die war ziemlich wichtig, diese Utopie. Ex und - verschwunden.
Enzensberger hat´s mir erzählt: daß ich Abschied nehmen muß von der Utopie, vom Paradies; das wäre so ähnlich wie das Erwachsen werden - ganz normal.
Und Fritz Jott Raddatz zog ein bitteres Fazit: "Ein Mensch, der nicht träumt - sagt man wird wahnsinnig. Und eine Gesellschaft? Schön wird das Leben wohl nicht unter dem Mercedessternfirnament. Aber wo steht geschrieben, daß das Leben schön sein muß?" Aber man könne sich ja immer noch umbringen (wie Tucholsky) und darum (?!) wäre alles gar nicht so schlimm.
Und ich dachte mir: Das kann doch nicht alles sein. Mensch, du muß noch mal von vom anfangen, denktechnisch, bei den einfachen Dingen und fragen:
Wofür lohnt es sich zu kämpfen?
Wofür darf mensch / soll mensch kämpfen?
Na. ja, "kämpfen", das hört sich ´n bißchen hart an, aber - so als Diskussionsgrundlage... Und da ist die Antwort doch ziemlich einfach: Für die menschlichen Grundbedürfnisse. Also: Essen, Trinken, Schlafen - die Sexualität laß´ ich erst mal ´raus, das wird sonst zu kompliziert. Aber der Kampf gegen Hunger, Durst und Obdachlosigkeit - da merk´ ich doch: das führt zu weit. Die Dritte Welt und die Wirtschaftsflüchlinge, die Sozialhilfeempfänger und die Obdachlosen, die rumänischen Bettlerkinder und die abgelinkten sog Ex-Zonis, da spürt man doch: das ist zu viel - für meine schmalen Schultern. Ich kann doch unmöglich für alle kämpfen. Wenn man da weiterdenkt, dann wird man noch radikal, da müßte man - oder ich - vielleicht Konsequenzen ziehen - für das eigene Leben. Da kommt doch das Private zu kurz.
Scheiße, Scheiße! Ein Fundament muß her ein geistiges Fundament meiner zukünftigen ... Weltanschauung. (Oder vielleicht sollte ich mal die Klassiker lesen: Marx/Engels.) Aber wie ist das überhaupt - wenn ich gar nicht persönlich betroffen bin, wenn ich ein Dach über dem Kopf hab´ und auch genug zu Essen - vielleicht darf ich dann gar nicht kämpfen, weil ich nicht betroffen bin... Das wär´ gut. Aber mir fällt jetzt so auf Anhieb nicht ein, wie das moralisch zu verbieten wär. Ach, ich möcht´ so gerne gut sein.
Oder: Ich könnt´ ja auch erst mal mit mir ´ne Gewaltdiskussion führen, so wie in der taz: Ich rufe auf zur Gewaltdiskussion und wenn ich nicht abschwöre dann rufe ich auf zur Gewaltdiskussion und wenn ich dann nicht abschwöre dann... Nein, nein, nein, mit so billigen Tricks kann ich mich nicht ´reinlegen.
Oder ich kämpfe für unsere natürlichen Lebensgrundlagen und für die Freiheit und "´n Stück mehr Gerechtigkeit". Das wär´ an sich die ideale Lösung. Ich ändere halt mein Konsumverhalten und kaufe mir eine Getreidemühle natürlich: nie mehr Obst aus Südafrika, und wenn ich um ´ne Unterschrift gebeten werde (weiß der Geier: Golfkrieg, Folter, Rüstungs-Scheiß oder Umweltschmutz): Warum nicht!
Und Daimler Benz und die Deutsche Bank? Na - ich tu´ denen nichts, und dann werden die mir auch nichts tun. denk ich mal."
So windelweich läuft´s ab. Garantiert.


