Bov Bjerg: Neues von Herrn Kopitzki
Der dritte Oktober begann entsetzlich: Ich war, im Traum, auf grausame Weise gefoltert worden. Man hatte mir einen Kopfhörer auf die Ohren genäht, aus dem sich pausen- und erbarmungslos die Melodie des Deutschlandlieds in mein Gehirn bohrte. Kurz bevor ich den Verstand verlor, erwachte ich, schweißgebadet zwar, aber ohne Kopfhörer auf den Ohren und deshalb ungemein erleichtert. - Doch die Melodie war immer noch da! Waren meine Nerven tatsächlich so überreizt? Ich wickelte das Kissen um den Kopf und steckte selbigen unter die Bettdecke: Nichts mehr zu hören. Stille. Alles dunkel. Nachdenken. - Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Natürlich!
Ich setzte mich auf und lauschte: In der Tat, ein regelmäßiges Knattern, eine Art Meckern, war der Melodie unterlegt, und mit etwas Mühe konnte ich den Text heraushören. Vorsichtig schob ich die Gardinen ein wenig zur Seite und spähte in den Hof hinunter: Na also! Der kleine, dicke Herr Kopitzki, mein patriotischer Hauswart, pflanzte eine deutsche Eiche, dabei laut und fröhlich die dritte Strophe des Lieds der Deutschen furzend.
Ich legte mich wieder hin, wickelte zwei Kissen um den Kopf und wühlte mich in mein Federbett, inbrünstig hoffend, daß dieser Tag schnell vorübergehen mochte. Nach einiger Zeit, zunächst des Gebets, dann des Absummens von Arbeiterliedern, weinte ich mich in den Schlaf. Und wieder machten sich die widerwärtigsten Alpträume in meinem schlummernden Bewußtsein breit: Ein schwarzrotgold gefedertes Huhn verwandelte sich in einen Flugsaurier, und auf einmal schwebte ich, mit schwarzrotgoldnen Weißwürsten an das Tier gekettet, in schwindelerregender Höhe, kurz unterhalb von Stratosphäre oder Holozän. Der Saurier begann zu pfeifen und zu gröhlen: "Oleeeh-oleoleoleeeh", in einem fort. Ich krümmte mich vor Schmerzen und flehte ihn um Schonung, als er mir nichts, dir nichts explodierte. - Ich stand senkrecht im Bett. Vor der Wohnungstür stand jemand und sang: Oleeeh-oleoleoleeeh. Eine Stimme rief: "He, Keule, mach doch auf!" Der Briefschlitz in der Tür klapperte, und gleich darauf detonierte wieder ein Böller im Flur:
"He, Keule, wird´s bald?" Kein Zweifel: Da draußen stand mein Hauswart und begehrte Einlaß - außer ihm wagt es niemand, mich "Keule" zu nennen.

Ich öffnete: "Was gibt´s?" - "Wie, was gibt´s?! Einheit gibt´s!!" Außerdem würde er liebend gerne jetzt und auf der Stelle mit mir zusammen die Tagesschau sehen: "ls ja immerhin auch ürjendwie n historischa Moment, wa? Det erstemal Taresschau im vaeinichtn Deutschland!" An jedem Finger seiner linken Hand hing ein Sechserpack Bier. Mit der freien Pranke schaltete er den Fernseher an, drückte mich ins Sofa und und pflanzte sich daneben. Irgendwie mochte ich seine rauhbeinige, herzliche Art. Wir prosteten uns zu und leerten die erste Flasche im Gedenken an Franz Josef Strauß, dessen Todestag ja nun zum Nationalfeiertag geworden war. Endlich begann die Tagesschau.
"Nun schau dir das mal an", sagte ich zu Herrn Kopitzki, als ich mich einigermaßen gefangen hatte. Hinter dem Nachrichtensprecher, war ein völlig groteske Landkarte abgebildet, ein Land, das so etwas gänzlich ungewohnt plumpes hatte, so etwas fettes, teigiges, kurz: Ich sah zum ersten Mal die Umrisse des zusammengewucherten Deutschland, ohne Strichellinie, ohne alles.
"Nun schau dir das mal an, Herr Kopitzki, aber genau!", rief ich ihm zu und fuhr fort: "Siehste jetz, was de von deim Deutschlandgepupse hast? Nicht mal mehr die gestrichelte Linie hammse uns gelassen! Wie sieht denn das jetzt aus?! Ein Fettsack auf bayrischen Füßchen! Man möcht´s am liebsten anheben da oben in Schleswig oder in Mecklenburg und komplett in den Bodensee kippen! - Ach, die schöne alte Ostgrenze... Wie war unsre BRD doch wohlgeformt... Diese, nun sei mal ehrlich, fast schon erregende Wespentaille... Richtig feminin..." - Ich redete wie im Rausch, wie im Fieber; gerade erklärte ich Herrn Kopitzki die doch nur allzu beträchtlichen optischen Differenzen zwischen der schmalen Fee, dem eleganten, feingegliederten Mädchen von einst, und diesem ganz und gar unerotischen Koloß, diesem Deutschland von heute, halb Mannweib, halb aufgedunsener Eunuch... Ich versuchte also gerade, meinem Hauswart dieses Defizit an Ansehnlichkeit plausibel zu machen, eben hatte ich den Begriff "abruptes designmäßiges Minuswachstum" geprägt, da röhrte er auch schon los: "He, Keule!!", dröhnte er, knallte seine Bierflasche auf den Couchtisch, und weiter: "Ha ick richtich jehört: Oinuuuch??!" - Ich erschrak bis ins Mark. Würde er, um seiner abweichenden Meinung Ausdruck zu verleihen, "So ein Tag, so wunderschön wie heute" singen? Würde er womöglich wieder einmal das Deutschlandlied furzen, "die dritte Strophe, wie sich´s jehört", oder gar schlimmeres? - Allein, er preßte nur ein kurzes "Scheibe, wa?!" hervor und ließ es für diesmal dabei bewenden.