Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 05/1990 Siegfried Löwy: Fernsehn? Ich tu´s!!
Artikelaktionen

Siegfried Löwy: Fernsehn? Ich tu´s!!

Heute: Werner V.

Eigentlich war es ein ganz normaler Arbeitstag für Werner V.. Seine Repräsentationspflichten hatte er erfüllt. Werner V. ist in seiner Nachrichtenredaktion nämlich Vertreter der wichtigsten Bevölkerungsgruppe, sein Journal war vorüber, er machte seine Redaktionsschicht bis Sendeschluß; da passierte es:

So gegen zehn schoß der 37jährige, grinsende, arbeitslose Dieter K. auf den 52jährigen Innenminister Wolfgang S. und traf, neben einem Sicherheitsbeamten, auch in nicht unbeträchtlicher Weise sein Ziel.

Da Wolfgang S. jedoch nicht sogleich verschied, sondern recht ordentliche Chancen hatte, das Ganze zu überstehen und wenn auch blöd oder lahm, so doch am Leben zu bleiben, was ja nun auch irgendwo besser als nix ist, eben deshalb war es in der Nacht des Attentats, da noch gar niemand wußte wie es ausgehen würde, plötzlich außerordentlich spannend geworden.

Werner V., der ein sehr guter Freund des Wolfgang S. war und somit menschlich sehr getroffen schien, half sein Kummer auch nichts; und weil Dienst Dienst und Schnaps Schnaps ist, mußte er um 1.15 Uhr nachts noch mal ran zur Sondersendung.

Nun waren zum Sendeschluß ja an sich ohnehin Nachrichten geplant, und die Sprecherin Constanze F. sollte wohl willens und in der Lage gewesen sein, diese vorzutragen; jedoch: so außerordentlich war die Situation und so kompliziert die erwartete Sendung, daß Werner V., obschon er seit Jahren keine Nachrichten mehr verlesen hatte, diese schwere, verantwortungsvolle Aufgabe, nicht aus der Hand zu geben sich getraute.

***

Hei wie trommelte da sein kleines schwarzes Herz, als das Rotlicht leuchtete, dieses bunte, unaufgeräumte Telexhäufchen vor ihm lag und das beige Telefon wie selbstverständlich gelassen seinen Auftritt zu erwarten schien. Sofort griff Werner V. in den Telexstapel, fingerte fast zufällig ein, zwei Meldungen heraus, um dann, wenn auch stotternd und verblüfft, so doch in furchtloser Konsequenz zu verlesen, daß Wolfgang S. mit dem Hubschrauber von Offenburg nach Freiburg transportiert worden war.

Sodann aber sollte das Telefon klingeln und ein Augenzeuge vor Ort berichten. Natürlich klingelte das Telefon nicht. Werner V., der das vermeintlich unmittelbar bevorstehende Läuten schon stolz angekündigt hatte, war ärgerlich und tat das, was er in solchen Situationen immer tut. Wie blöd starrte er den störrischen Apparat an, nahm seine Brille ab, umfasste dieselbe am linken Bügel mit Daumen und Zeigefinger, um sie dann gedankenverloren immer um die rechte Hand kreisen zu lassen. Was mag wohl in den verlorenen Gedanken des Werner V. vorgegangen sein?

Verdammt!, Jetzt funktioniert das Scheißding nicht, was soll denn das? Herrgott, wieviele wohl noch zugucken? Nun winkt der Blödkopf wieder wegen der Brille - ich kann mich sonst nicht konzentrieren, auch wenn das dämlich aussieht du Tropf! Der sollte sich lieber mal um dies Mistgerät kümmern... Hach, jetzt klingelts - ruhig abnehmen...ich muß jetzt was sagen...irgendwas...

"Ja, hier Werner Voß vom Heute-Journal?!"

Wieso kommt da nix... so eine Scheiße!

"Hallo, hallo, wo sind Sie?, ich hör Sie nicht!"

Was soll ich nur tun?...auflegen!

"Tja, hat nicht geklappt."

Ich muß jetzt was machen, irgendwas verlesen, irgendson Telex wo is denn die Bril...

"Der Innenminister Schäuble bleibt vorläufig in Offenburg, da ein Transport..."

Jetzt klingelt das wieder, verdammt.

"Hallo!"

"Guten Tag, ich ruf von der Uni-Klinik Freiburg an. Innenminister Schäuble ist gerade eingetroffen. Das mit dem Attentat war so, Wolfgang Schäuble hatte gerade...."

"Ja, wer sind Sie denn?"

"...da springt dieser Kerl..."

"Wer Sie sind will Ich wissen!"

"...Und dann schießt..."

"Sagen Sie endlich Ihren Namen!"

"...da lag er auch schon wimmernd am..."

So jetzt leg ich auf...Mist...ich muß jetzt was reden.

"Innenminister Schäuble war ein guter Freund Kohls und sehr wichtig für die Einigung und den Einigungsvertrag und...und...und so weiter."

Jetzt macht der da wieder wegen der Brille rum, der soll mich endlich in Ruhe...es klingelt wieder...ich geh da nich mehr ran, ich...

"Hallo?"

"Hallo, hier ist Bachmeier."

"Oh [zur Kamera] das ist jetzt Herr Bachmeier."

"Das Attentat verlief so..."

"Herr Bachmeier, können Sie mich hören?"

"Ja, ich höre sie sehr gut."

"Können Sie mich hören!?!"

"Ja, ich ... "

Werner V. legt auf.

"Tja, leider hat das auch nicht geklappt, zum Abschluß möchte ich...."

Werner V. ging nun noch auf die Gefahren eines Politikerlebens und unzureichende Dankbarkeit der Bevölkerung ein. Seine Gedanken aber kreisten wohl längst um die Frage, wieviele Menschen diese Sendung gesehen haben könnten. Leider viel zu wenige.

Copyright: Siegfried Löwy

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: