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Andreas Scheffler: Randbemerkungen eines Konservativen

Schlimme Zeiten sind angebrochen, und die meisten merken´s noch nicht mal. Erinnern Sie sich, liebe Leserin, lieber Leser, noch an die Sätze "Hausmutter Fanbraid möchte gern heiraten, und das will ich auch. Wir sind schon viel zu lange, unter der Hand selbstverständlich, verlobt. 14 Jahre immerhin schon; es sind doch 14 Jahre, nicht wahr? 14 Jahre... " Na. funkts? - Diese Worte, die zu den schönsten der Filmgeschichte gehören, sagte Sidney Ramston in dem Streifen "Mörder ahoi!" mit Margareth Rutherford als Miss Marple. Aber wer erinnert sich schon daran.

Gründe zu lamentieren gibt es jede Menge. Zum Beispiel ist es noch gar nicht so lange her, daß es Süßigkeiten für zwei Pfennig gab. Kleine, rote Lollies, saure Gurken und süße Teufel aus Fruchtgummi, die man einzeln für je zwei Pfennig erwerben konnte. Heute herrscht das Zeitalter des Big Packs, dessen mehrfachverschweißte Reißfestigkeit einen geradewegs auf den Abtritt jagt. Und da folgt schon die nächste Neuerung zum Schlechten. Das Modell "Nasser Arsch" hat schon seit Jahren seinen Siegeszug durch westliche WCs angetreten. Sie kennen das: Statt auf eine Ablage, fällt der Mist direkt in einen Wassertrichter, woraufhin Ekelbrühe auf- und an den Hintern spritzt. Dafür soll möglicher Gestank unter Wasser bleiben. Niemand will begreifen, daß zum Kacken der Geruch genauso gehört, wie zum Sprechen die Stimme. Auch dessenungeachtet ist es ein Irrwitz, jedes Klopapier willentlich zum Hakle feucht mutieren zu wollen.

Desgleichen die Musik, die gemäß deutschen Hirnzustandes schon allein deshalb gut sein muß, weil sie neu und aus den Staaten ist. " ...die Disco-Musik ist die humpta humpta Musik aus den Dritten Reich", stellt Wolfgang Neuss zu Recht fest. Tatsächlich: Dieser Zustand von Gestampfe und monotonem Gelalle, der durch MTV und Discotheken grunzt, erinnert eher an Aufmärsche gestählter Wehrmächtiger, als an kulturellen Freigeist. Solche Verkasperung wird nur noch dadurch überboten, daß seit einiger Zeit Kleidung mit Flicken und Löchern auf Ladentheken angeboten und als modisch gepriesen wird. Jeder wirklich abgerissene Mensch muß sich verhöhnt vorkommen und hätte bei Tätlichkeiten mein Einverständnis.

Zeichnung von Angela Koch

Die Beeinflußbarkeit geht schon so weit, daß nunmehr jeder Sepp eines dieser blödsinnigen, nutzlosen, sauteuren Mountainbikes haben muß. Und wenn in den Staaten Kotzen als cool gelten würde, so versänken unsere Fußgängerzonen und Jugendzentren beizeiten in einem schleimigen Morast.

Politikmüdigkeit ist unseren Jungen freilich nicht vorzuwerfen. Parteinahme scheint mir heute nämlich kaum noch möglich, weil ein im mindesten nationalistischer Dumpfsinn bis überall hin verbreitet ist. Meinen tun alle - und wenn es die Meinung ist, keine zu haben - aber begründen? Herr Kopitzki, warum wählen Sie Herrn Kohl? - Weil der gut ist, der Mann. Und Sie, gnädige Frau? - Fragen Sie meinen Mann.

Für Intellektuelle ist nur noch das Besetzen von Extrempositionen möglich (mit Ausnahme des Faschismus natürlich!): vom weit über den Sozialismus hinausgehenden anarchischen Freigeist bis hin zum geruhsamen Wertkonservatismus.

Der Zusammenbruch des Ostblocks, die jetzige Verteufelung von allem, was nur nach Sozialismus riecht und die Willfährigkeit, mit der alle in diesen Ton einstimmen, bewirken ein ideologisches Trockendock. Das derzeitige historische Verbrechen, die DDR mit dem NS-Staat gleichzusetzen, bedeutet das endgültige Ende demokratienotwendiger Selbstkritikfähigkeit. Dabei ist es so einfach: Hier eine respektable Idee, die korrumpiert wurde, dort ein von Grund heraus kriminelles Gebilde. Eines freilich ist vergleichbar. Das Volk, welches gleich einer hirnlosen Schafherde den Mächtigen folgt, über Stock und Stein geradewegs in den Sumpf. "Aber Moment", blökt da der Zoni, "wir haben schließlich Revolution gemacht." Nun mal halblang. Tatsächlich war es doch so: Ein Teil des Volkes hat auf der Straße demonstriert, weil Gorbatschow ein Klima geschaffen hat, in dem dies möglich war. Des (Wir sind ein) Volkes einziges Verdienst ist es, dieses Klima erkannt zu haben, sonst nichts. Ihr bärtigen Pastoren und kahlköpfigen Intellektuellen! Tut mir leid. - kein Heroenkranz.

Was aber folgt aus dieser Waschküche der Vorspiegelung und Willenlosigkeit? Die Intellektuellen, die noch nicht bestochen sind, werden den Teufel tun. an einem ethisch bankrotten Staat herumzuwalten und sich auf die Insel setzen, von der Geschichte überrollt, weil es schon lange zu spät ist.

Dort sitze ich also, und manche Dinge betrachte ich mit Amusement; so wie dies:

Zeitungsausriss

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero

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