Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 05/1990 E 338: Die Schöneberger Schnauze
Artikelaktionen

E 338: Die Schöneberger Schnauze

von unserem Schöneberger Korrespondenten

Kürzlich, ich war geradewegs auf dem Weg nach Hause, traf mich ein Fetzen Gesprächs am nützlich zarten Trommelfell, ein kleines Stückchen jenes Stoffs, dem man gemeinhin als "Berliner Gusche" zu bezeichnen versucht ist. Die Schöneberger Schnauze, es sei gleich eingestanden, gibt es nicht. Es gibt ja auch in ganz Schöneberg keinen Schöneberg. Meines Wissens gibt es in diesem Bezirk nur eine einzige Größe, die die Bezeichnung Berg verdient: den Insulaner. Der aber erhebt sich im Süden und liegt nicht etwa, wie man anzunehmen geneigt ist, in der Sonne der Roten Insel, jenes berüchtigten Eilands, das, von S-Bahn-Gleisen umzingelt, manch tapfere Stunde erlebte. Es ist eben auf nichts mehr Verlaß. Daß es in Spandau keinen Spandau, in Wedding keinen Wedding, in Steglitz keinen Steglitz gibt, Ist, wie ich finde, kein Trost. Da zolle ich doch lieber der an Pariser Einfühlsamkeit grenzenden Korrektheit Kreuzbergs Respekt, das wieder einmal vorne liegt.

Manchmal aber geht es auch hier in Schöneberg ganz ordentlich zu: das Rathaus Schöneberg zum Beispiel liegt ganz richtig am "John- F.-Kennedy-Platz" (der, als er noch lebte, einmal dort war), beziehungsweise "Am Rathaus", und eine U-Bahn-Station selben Namens ist auch um die Ecke. Na also! Es geht doch!

Zeichnung von Angela Koch

Doch kehren wir wieder zu jenem Fetzen zurück, von dem nun einmal die Rede war, diesem Fetzen jenes Stoffs, dessen man sich hier zu jeder Tag- und Nachtstunde bereitzuhalten hat, ihn wie Cola ins Ohr geträufelt zu bekommen (ein schrecklicher Tod!). Der Vergleich hinkt zwar sehr, aber ich sehe gar nicht ein, weshalb ich mich an dieser Stelle nicht auch für jemand Behinderten einsetzen sollte.

Bei diesem Fetzen (das fetzt, gell?) handelte es sich um eine Standardfloskel der »Berliner Gusche«, die Abschiedsformel zweier in die Jahre und gleichsam in die Klauen der Ehe geratenen Männer. Während der eine bereits in seinem Automobil entschwunden war, rief der andere, humorig floskelnd: "Und grüß mir Deine Alte!" "Wenn sie mich zu Wort kommen läßt...", formelte der Mobilist zurück. Nun ist es raus. Zuweilen frage ich mich schon, weshalb ich mir derlei Begebenheiten merke. Von Kleist dagegen ist mir nur ein einziger Satz im Gedächtnis geblieben, und den hab ich vergessen. Derweilen aber setze ich stur meinen Weg fort, meinem Weg, der mich in einem Pulk umherirrender Salbader.-Leser in meine Heimstatt führt.

Haben Sie vielleicht eine Zigarette für mich?

Copyright: E 338

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: