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Heinrich Muoth und Paul Pavarotti: Postkartengeschichten

Zeichnung von Marc Kluge

Der Denker Dàch

Direkt unterm Dach, da lebte der Denker Dàch. Als ihm ein Tropfen auf den Kopfe tropfte, dachte der Denker Dách: Das Dach ist nicht dicht. Der dankbare Dichter bedachte sich sachte und kroch auf den darbenden First.

Das Dache krachte, als der Denker Dách noch lachte im rollenden Regen.

Beim dummen Didakten, der druntergedackelt hats auch gleich geschnackelt.

Zeichnung von Marc Kluge

Ánnuská

Im Pusztadörfchen Tapolca wuchs, es ist noch gar so lang nicht her, die liebreizende Ánnuská heran. Schon im zartesten Alter wurde die junge Maid von ihrer Großmutter, der furchigen Varga, in der hohen und wohlgeachteten Kunst des Handtuch- und Deckenstickens unterwiesen, in welcher die verständige Ánnuská auch bald eine beachtliche Fertigkeit entwickelte.

Nun war es so, daß jedes Jahr zur Sommerszeit die älteren Schwestern mit dem Vater ins reiche Budapest fuhren, um dort die an langen Winterabenden geschickt hergerichteten Stoffe feilzubieten; und wie beladen mit Geschenken und Leckereien kehrten die Lieben jedesmal in die heimelige Bauernstube zurück.

An Ánnuskás 14. Weihnachtsabend nahm sie der Vater beiseite und machte ihr das schönste Geschenk. Hör Ánnuská diesen Sommer fährst du mit nach Budapest.

Oh welch wohlig-warmer Schauer durchlief sie da, aufgeregt lag sie manche Nacht wach und sehnte ihren großen Tag herbei. Heimlich legte sie sich gerade soviel vom besten Handtuchstoff zurück, als sie benötigte, um sich ein prächtiges Kleidchen daraus schneidern zu können.

Endlich war es soweit. Noch lange vor dem ersten Hahnenschrei putzte sich Ánnuská so reizend heraus, daß selbst der Vater sich ein wohlgefälliges Grunzen nicht verkneifen konnte.

Um die Mittagszeit stand sie mit klopfendem Herzen auf der Fischerbastei. Da jedoch sah Ánnuská die Jeans-Touristen und bemerkte wie lächerlich sie in ihrem albernen Fetzen ausschaute. Mit einer Träne im Knopfloch stieg sie auf den höchsten Turm der Matthias-Kirche und stürzte sich wortlos vor den Augen des verblüfften Vaters hinab.

Copyright: Heinrich Muoth und Paul Pavarotti

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero

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