Hans Duschke: Mein persönliches Verhältnis zum Feminismus ist vorläufig beendet
Ob diese Geschichte für irgend jemand interessant ist, weiß ich nicht, ist mir auch egal. Aber es muß sein, und vielleicht werde ich reich und berühmt durch´s Geschichten erzählen, und dann sieht alles gleich ganz anders aus: dann bin ich nicht mehr der Trottel, zweiter Sieger...
Auf jeden Fall geht es in der Geschichte um meine große Liebe, Susanne. Daß sie meine große Liebe ist, steht fest. Immer, wenn ich in Ihrer Nähe bin, bekomme ich Herzklopfen; früher haben wir beide auch so was Magisches ausgestrahlt, so daß kein anderer in unsere Nähe gekommen ist, wenn wir irgendwo zusammen waren. Wie es jetzt ist, weiß ich nicht. Wir haben keine gemeinsamen Bekannten mehr: Wir treffen uns in Kneipen oder bei einem von uns zu Hause.
Gleich am Anfang muß ich vielleicht sagen, daß Susanne mit Thea zusammen wohnt, und die beiden sind ein Paar, und meine große Liebe ist jetzt also lesbisch geworden oder war es schon immer. Manchmal frage ich mich, ob sie schon damals, als wir zusammen waren, oder erst hinterher, durch die Erfahrungen mit mir sozusagen... So ein Blödsinn! Wie soll ich das denn wissen. Ich kann mich nicht erinnern, daß sie sich nach anderen Frauen umgeguckt hätte. Nun ja, das ist nicht gerade mein Lieblingsthema. Bei passender Gelegenheit sag´ ich ja gern: "Wenn ich ´ne Frau wär´, wär´ ich auch lesbische", und das stimmt auch und kommt auch meistens ganz gut an. Trotzdem.
An einem Abend war ich eingeladen.
Immerhin: Ich bin der einzige Mann, den die beiden in ihre Wohnung lassen. Und da bin ich auch einigermaßen stolz drauf. Ich hab´ mal mitgekriegt, wie sie darüber diskutiert haben, wie das ist mit Handwerkern, die irgend was in der Küche reparieren wollen... Ich bin sozusagen der einzige Mann, mit dem sie noch freiwillig reden. Oder Susanne zumindest, mit Thea hab´ ich nicht viel zu tun, wahrscheinlich ist sie eifersüchtig auf mich, versucht mich los zu werden, seit Jahren schon, aber ich bin immer noch da. Zäh. Und dann da ist natürlich noch ein ganz anderer Punkt, das ist die sogenannte Polit-Lesbe im Gegensatz zur Echten.
Die Einladung halt: Ich klingelte. Die Tür ging auf. Ich kam ´rein und merkte schon: Heut´ ist ´was anders. Denn Susanne führte mich in Theas Zimmer. "Sie hat uns eingeladen", meinte sie zur Erklärung. Thea und ich gaben uns über den Wohnzimmertisch die Hand, wie in der Talk-Show. Ich hab´ den Scheiß, von wegen "eingeladene" natürlich nicht eine Sekunde geglaubt. Wir setzten uns also, und Susanne legte sich uns gegenüber aufs Bett und - fing an zu lesen. Daß heißt, sie fing gar nicht an zu lesen, sie nahm sich nur ein Buch und hielt es sich vor die Nase. Jetzt noch was zu trinken einschenken - Weißwein -, und der Abend konnte losgehen.
Wir sollten uns also zu Susannes Vergnügen unterhalten. Podiumsdiskussion. Und Susanne würde auf dem Bett liegen, durch das Buch davor geschützt, angesprochen zu werden.
Und wie selbstverständlich war auch das Thema klar: Die Frauenfrage. Ich hatte mich unter die Regie gefügt, was sollte ich machen, und einer zünftigen Debatte über den Feminismus gehe ich selten aus dem Weg. Ich kenn´ die Argumente so leidlich und habe - unschätzbarer Vorteil - Otto Weiningers "Geschlecht und Charaktere" gelesen. Da kann dann kaum noch was schiefgehen. Schwerterklirren der Argumente. Und ob ich recht hab´ oder nicht, verrät mir dann das Licht - ihrer grünen Augen. Wenn ich trotzdem in die Enge getrieben werde, dann bleiben mir immer noch verschiedene bequeme Rückzugsmöglichkeiten: meine Sozialisation, oder; sie sollten sich doch über meine Ehrlichkeit freuen. und so weiter.
Zuerst ging es um die feministische Utopie, und daß sie meiner Meinung nach eine Art "Insel Lesbost" zum Ziel hätten, die Seperation der Geschlechter, aber damit nur für eine Minderheit der Frauen sprechen würden. "Aber du Kerl sprichst für die Mehrheit der guten(!) Frauen, hä?" So etwas hätte ich natürlich nicht implizieren dürfen.
Aber dann: Daß die beiden nur von "Kerlen" sprechen, wenn ich aber einmal von "Weibern" spräche... Das war eine wunderbare Überleitung zu meinem Spezialthema in diesem Zusammenhang: den Denk- und Sprechverboten, die die Feministinnen uns aufdrücken. Thea war es, glaub´ ich, die in diesem Zusammenhang Norbert Elias erwähnte, den würd´ ich doch bestimmt kennen. Leider nein. Macht aber nix.

Ich mußte mich dann noch rühmen, mir wären die Denkverbote noch als solche erkennbar, und in so einer Runde wär´ es mir immer ein besonderes Vergnügen, Verbotenes auszusprechen. "Dann gib doch mal einen von deinen frauenfeindlichen Standardsprüchen zu Besten." Aber so. mit Ansagen, fiel mir natürlich nichts ein, nur ein ziemlich blöder Spruch, den ich einmal von Susanne (ausgerechnet) gehört hatte: "Frauen sind wie Klos: entweder besetzt oder beschissen." Na ja, als aufgeklärter Mann, wie ich mich gern bezeichne, konnte so was natürlich nur unter dem größten ironischen Vorbehalt geäußert werden, es ging aber trotzdem schief.
Ich meinte dann, es sei ziemlich billig, das Fehlen weiblicher Genies nur auf die unterschiedliche Rollenverteilung zurückzuführen. Ich wollte von Genen sprechen. Da war dann natürlich schon die Vorraussetzung falsch: der männlich definierte Geniebegriff, und außerdem gebe es durchaus... "Wer denn?" hakte ich nach. Thea nannte verschiedene Namen, die ich leider vergessen habe. Das ist übrigends habe ich mir sagen lassen, eine typisch patriarchalische Reaktion meines Gedächtnisses. Was soll´s. Vorsichtig versuchte ich noch einiges anzudeuten: Verfolgungswahn bezüglich Vergewaltigung und Sexismus etc. Aber da machte ich lieber gleich einen Rückzieher: Für solche Argumente hatte ich einfach das falsche Geschlecht.
Die zweite Flasche Wein wurde aufgemacht. Susanne tat immer noch so, als läse sie (kein einziges Mal hatte sie wenigstens zum Schein eine Seite umgeblättert), unsere Diskussion plätscherte so dahin. Mehrmals wurde mir vorgeworfen, nicht auf einem ausreichenden Diskussions- und Bildungsniveau zu sein, ich hätte die inzwischen 20-jährige Theoriedebatte der "neuen Frauenbewegung" nicht im geringsten reflektiert (oder rezipiert - weiß ich nicht mehr so genau). Dieser allerliebster Vorwurf klingt immer nach: "Das kannst du halt noch nicht verstehen." Und so was überzeugt mich nie.
Dann mußte ich gehen. Im Treppenhaus stehend sagte Susanne: "Das war so ´was wie´n Abschied, heut´ Abend. Wir ziehen weg von Berlin." Niemals habe ich mir so sehr gewünscht, weinen zu können. Das hätte einen starken Effekt gemacht.