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Bov Bjerg: Berichte aus der Redaktion

Ende einer Ära

London, im November 2041 (Eigener Bericht)

So regnerisch und trübe das Wetter draußen ist, in den nebelverhangenen Straßen des herbstlichen London, so düster und gedrückt ist die Stimmung drinnen, im größten der Säle des altehrwürdigen Auktionshauses Sotheby's. Vorn sitzt der Auktionator an seinem Pult wie ein Richter, der weiß, daß er nach Abschluß der Beweisaufnahme Todesurteile wird fällen müssen. Das Publikum zuckt bei jedem Zuschlag zusammen - das Hämmerchen ("...zum Dritten!"), klopft, so scheint es, einen Nagel nach dem andern in den Sarg einer ganzen Ära.

Die Gegenstände, die hier nach und nach für ein Butterbrot ihren Besitzer wechseln, Reliquien eher denn schnödes Papier, stammen samt und sonders aus den Archivresten des ehedem epochemachenden "Salbader.": Die Satzfahnen der längst legendären "Ersten Nullnummer" etwa, kleine Posten von Fehldrucken einzelner Ausgaben - Liebhaberstücke eben.

An der Rückwand des Raumes die "Angeklagten": Vier mehr oder weniger in Ehren ergraute Herren, die augenscheinlich in ihrem Scheitern wieder zueinander gefunden haben. Redaktionskollegen zunächst, später, als jeder seiner eigenen Wege ging, nur noch am Vorstandstisch vereint - als Chefs und Alleinaktionäre der "Salbader.-AG", des zweitgrößten deutschen Medienkonzerns.

Jeder kannte, als sie eingestellt wurde, ihre Zeitschrift, den "Salbader."; jeder kennt - nun müßte man wohl auch schon sagen: kannte - die Produkte ihres Imperiums; jeder und jede letztendlich kennt die vier Männer, die mit ihren Affären und Skandalen, ihrem Ruhm, ihrem Geld und ihrem losen Mundwerk jahrzehntelang nicht wegzudenken gewesen waren aus den Klatschspalten der Regenbogenpresse:

Da ist einmal Horst Evers, der große alte Mann der Fernsehunterhaltung. Wie kein zweiter prägte er in den vergangenen fünfzig Jahren das Showgeschäft in Deutschland, ja sogar darüber hinaus - vor und hinter den Kulissen. Er war der erste Unterhaltungskünstler gewesen, der es sich leisten konnte, im eigenen Pay-TV rund um die Uhr ausschließlich Wiederholungen seiner alten Shows auszustrahlen.

Neben ihm Andreas Scheffler, mit entgegen aller lyrischen Ankündigungen auch nach bald achtzig Lebensjahren noch ungeöffneten Pulsadern. Von ihm stammte das vollmundige Diktum: "Der Salbader ist bekannter als die Bibel!" - Seine Gedichte, schulbuchwürdig seit geraumer Zeit, kennt heute jedes Kind.

Der Dritte im verbitterten Bunde: Hans Duschke, der Bonvivant und Frauenkenner. Kein Mauerblümchen, das er unbesungen und ungepflückt gelassen hätte - realiter ebenso wie in seinen literarischen Bekenntnissen.

Und schließlich: Bov Bjerg. Zuzeiten als größter Prosaist seines Landes gerühmt, hat ihm das Leben erst kürzlich einen vielleicht vorletzten Streich gespielt. Nachdem der Nobelpreis für Literatur heuer endlich doch noch dem inzwischen übergreisen Max Goldt zuerkannt worden ist, kann Bjerg als Schreiber ebenfalls deutscher Zunge kaum mehr hoffen, diese höchste Auszeichnung in absehbarer Zeit selbst zu erhalten.

Vier wirklich tragische Gestalten sind es, die hier im Auktionssaal sitzen, flankiert von einem guten Dutzend schwerbewaffneter Zivilbeamter. Noch einmal hatten sie am Ende ihres Lebens nach den Sternen greifen wollen und sich dabei die Finger verbrannt. Zur Übernahme ihres größten Konkurrenten Bertelsmann schien jedes Mittel recht. Jede Mark wurde in das ehrgeizige Vorhaben gesteckt, und wo kein Geld mehr flüssig war, da wurden Sicherheiten vorgetäuscht, die längst schon doppelt und dreifach verpfändet waren.

Jeder kennt das Ende: Zusammenbruch, Beschlagnahme, Zwangsversteigerung ganzer Druckereien, Verlage, Fernsehanstalten. Doch die erzielten Einnahmen reichten immer noch nicht aus, die Gläubiger zu befriedigen. So ging es also nun ans Eingemachte, an die Überbleibsel des Archivs.

Einziger Trost für Philologen: Die kulturhistorisch tatsächlich bedeutsamen Teile der umfangreichen "Salbader."-Bestände sind bereits vor Jahren dem Deutschen Literatur-Archiv in Marbach geschenkt worden. Damals haben die Ex-Redakteure großzügig auf Tantiemen verzichtet, die sie heute gut gebrauchen könnten. Mit dem Erlös dieser letzten Auktion, gerade zwei Millionen Mark, werden sie jedenfalls nicht weit kommen.

Copyright: Bov Bjerg

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero
Nummer 06
Titelbild
Vorrede
Bov Bjerg: Berichte aus der Redaktion Kvara Bistoj: Die Salbader.- Worterklärung Hans Duschke: Kackvogel des Monats Andreas Scheffler: So nebenbei Horst Evers: Fernseh? Ich tu's!!! Hans Duschke: Fabrik der Träume Siegfried Löwy: Mehlbeutel des Monats Bov Bjerg: Gallus, der Sekretär E 338: Kennen Sie Cola Andreas Scheffler: Es gibt Momente Siegfried Löwy: Drei Anekdoten Bov Bjerg: Du, der Mann mit dem Horn Heinrich Muoth: Der Rügener Baus Andreas Scheffler: Glück
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge VIII
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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