Hans Duschke: Kackvogel des Monats
Heute: Die Demokratiebewegung
"Wundert es noch, daß seither die bleierne Zeit der Sprachlosigkeit wieder vor sich hin stagniert oder die Schwätzer des feuilletonistischen Zeitalters ungestraft in führenden Tages- und Wochenzeitungen unter dem Vorwand - ich sage bewußt: Unter dem Vorwand! - der literarischen Kritik ihr verächtliches Werk der politischen Anschwärzung betreiben können."1
Und er meint sich, der Wolfgang Ullmann. Nachdem er jetzt, als Vertreter der Demokratiebewegung stellvertretend und zusammen mit Bärbel Bohley, den Demokratiepreis gewonnen hat, darf ich nicht mehr "ungestraft" schimpfen. Schau mer mal.
Was muß das für eine widerliche Veranstaltung gewesen sein, als die Fratzen sich von der Ober-Fratze Walter Jens in der Laudatio die Vergleiche um die Ohren schmieren ließen: Feist und selbstgefällig sitzt die Clique da, von Demut und Bescheidenheit keine Spur, die Zoni-Helden, die "statt machterpicht zu sein, der Stärke ihrer Schwäche vertrauten", die "wie ihre Vorbilder der »Weißen Rose« Menschen waren, die anderen beispielhaft vorlebten, was »Humanität in finsteren Zeiten« bedeutet." So weit Walter Jens, der noch von David und Goliath brabbelt und über die "christliche Demokratiebewegung", die angeblich eine Revolution gemacht hätte2, eine "protestantische Revolution, wenn man protestantisch im weitesten Sinne auffaßt!" Und daß macht er gern, der Walter Jens, der "linke Christ", der selbstgefällige.
Und Bärbel Bohley, wahrscheinlich noch die Beste aus diesem bildungsbürgerlichen Pack, erzählt uns, wie sie es damals gemacht hätten, mit der Revolution: "Von diesen Gruppen war damals vielleicht das Neue Forum diejenige, die diesen [den demokratischen] Anspruch am konkretesten gestellt hat. Es ist uns damals vorgeworfen worden, wir hätten kein Programm. Aber darin lag unsere Stärke." Ach was. - Wie das?: "Wir wollten zusammen ein Programm entwickeln."
Da hat sich mittlerweile einiges getan: "Wir haben die Erfahrung gemacht, daß die Verstaatlichung der Gesellschaft unter der wir hier [in der DDR] gelitten haben, im Westen auch vorhanden ist. Sie hat nur andere Formen, sie hat andere Mechanismen, sie ist etwas geschickter." Eine Erkenntnis. auf die ich damals, als 16-jähriger, ziemlich stolz war, nur daß ich das Wort »subtiler« benutzte.

Und selbstverständlich wollen alle weiter Politik machen, weiter das Gefühl haben, an den Rädchen mit drehen zu können. Daß es dabei um Macht und Profit geht, wird verdrängt - bestenfalls. Wahrscheinlich haben sie einfach keine Ahnung. Haben 40 Jahre realer Dumpfheit zu irreperablen Schäden an ihrem Erkenntnisapparat geführt.
Und Garant dafür, daß die Machtfrage in Deutschland von diesen Leuten nie mehr gestellt wird, sind nach Wolfgang Ullmanns unmaßgeblicher Meinung ausgerechnet die Frauen: "Die Frauen in unseren Bürgerbewegungen sind eine Autorität und ein unwiderstehlicher Impuls dafür, daß Politik nicht Wille zur Macht ist, sondern Umgang mit Macht, damit die Priorität des Lebens..." Und so weiter. Schwafel, Schwafel.
Ja was wollt ihr denn? "Was wir wollen ist vielmehr eine Verbesserung der Spielregeln", so Jens Reich. Und weiter: "Die Bürgerbewegungen stehen also auf folgender Position: Im Gegensatz zu den Parteien halten wir uns aus ordnungspolitischen und ökonomischen Interessenkonflikten heraus oder nehmen eine vermittelnde Stellung ein." Wem das zu schwammig ist, für den gibt's noch ein Beispiel: "Bei der Hausbesetzerfrage z.B. widerstreiten verschiedene legitime Interessen einander, und es ist keine Überraschung, wenn die Bürgerbewegung da nur eine Mahnung zu tolerantem Verhalten einbringen kann." Der übliche Sozialarbeiter-Schmus also, mit dem uns schon die Grünen/AL zehn Jahre die Konflikte vernebelten. Aber wie heißt es so schön bei den Demokratiepreisträgern: "Die Sorge um die politische Kultur, die mit diesen Schlagwörtern umrissen ist, halten wir für unverzichtbar."
Na gut, das war's. Doch das Schlußwort sei dem greisen "Freund" im Westen überlassen, mit einem Satz so schillernd in der Unschärfe der Begriffe, so altersschwach und voller falschem Pathos, so... unvergleichlich Walter Jens: "Man kann es nicht oft genug sagen: Auschwitz hat die Aufklärung nicht widerlegt, sondern ihre Unverzichtbarkeit demonstriert."
Bis dann. Vielleicht sehen wir uns ja mal: beim Demonstrieren.
1) Alle Zitate aus: "Blätter für deutsche und internationale Politik", 1/91; S. 21-51: Reden zur Verleihung des Demokratiepreises an die "Demokratiebewegung".
2) vgl. Alexander Schalck-Golodkowski in der ARD (Dez. 1990): "Ab 1986 war klar, daß die DDR nicht mehr zu halten ist."