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Horst Evers: Fernseh'n? Ich tu's!!!

Heute: Samstagabendunterhaltung

Illustrationen von Gästen der Feierlichkeiten im Haus von Seggern am 20.10.1990

Und ob ich das besser kann, brüllte der erboste Knoll in die Runde und stürzte mit einem kurzen Hieb den Inhalt seines, noch beträchtlich gefüllten Bierkruges ins Gesicht des schärfsten Kritikers, des Kohlenhändlers Karl Radletzki. Dieser allerdings bedachte sich nicht lang, griff zum überquellenden Aschenbecher und drehte diesen zwei- bis dreimal im Gesicht des wehrlosen Knut Knoll herum. Sodann spuckten mehrere der Anwesenden auf die beiden Streithähne und begannen auch schon mit dem Austausch der ersten noch behutsamen, dann aber zunehmend heftiger werdenden Faustschläge untereinander. Es folgte eine der bedeutendsten Wirtshausschlägereien der Nachkriegszeit im Wedding (Berlin), ein rechtes Gedresche, von welchem man denn auch noch lange sprechen sollte.

Was aber war eigentlich vorgefallen?

Wie jeden Samstagabend hatte sich eine muntere Gesellschaft im Wirtshaus BRÜSSELER ECK versammelt, um die große Sonnabendfernsehunterhaltung anzuschauen. Tatsächlich jedoch schien dies nur ein Vorwand zu sein, denn in Wirklichkeit waren alle nur Knut Knolls wegen gekommen.

Von ihm, dem fernsehsüchtigen und wortgewaltigen Vortragskünstler wußte man nämlich, daß er an jedem Samstagabend in besagter Kneipe vor dem aufgestellten Fernsehgerät das jeweils laufende Programm verfolgte, um dann in furchterregender Weise, dem Erbrechen nahe, über dasselbe zu schimpfen.

Mit der Zeit jedoch fand sich auch eine Gruppe dieser unvermeidlichen Zwischenrufer ein, welche durch ihre ketzerischen Einwürfe den medienwütigen Schreiaffen zusätzlich provozierten und so jeden dieser fast rituellen Abende zu einem happeningartigen Schauspiel machten.

An jenem Samstag nun gab es WETTEN DASS..., und der traditionell schon seit der Sportschau erstaunlich betrunkene Knoll steigerte sich in einen wahren Schmähorgasmus.

Nicht nur, daß er den Moderator, als einen dreiblättrigen Flitzkacker bezeichnete und aus absolut sicherer Quelle wissen wollte, der Gottschalk lebe nur vom Peter Frankenfeld seim geheimen Witzbuch, was er der Lonny Kellner nach 'ner mißglückten Liebesnacht geklaut hat.

Er stürzte sich auch noch auf das seiner Meinung nach vollkommen blödsinnige, ja einer unkoordinierten Furzfüllung gleichkommende Konzept der Sendung und schrie mehrmals aus: Das könnt ich besser!!!

Dies freilich wollten seine Spötter nicht so ohne weiteres akzeptieren, und so stichelten und pöbelten sie weiter, bis der zürnende Knoll endlich zum großen Schlag ausholte.

Also gut, denn sag ichs euch eben. Schon vor langer Zeit hab ich ein Superspielkonzept entwickelt, das diesen ganzen faulen Dreck vonner Platte fegen würde. Wichtig is, Knoll brüllte jetzt, als wolle er sein Konzept für alle Zeiten in die Köpfe der Anwesenden brennen, wichtig is das Motto. Das Ganze muß fürn guten Zweck sein. Versteht ihr?! Ein Herz für die Russen, gegen den Krieg, für Berlin, für Dicke, egal. Hauptsache es gibt was zu spenden.

Und dann muß'n Spielkonzept her. Aber'n gutes.

Am Besten mischte alte Erfolgsshows. Nimmst dir meintwegen Herzblatt, Glücksrad und Am laufenden Band. Erst spielen die Kerle am Rad die Preise aus, und dann könn'n die Damen sich ein'n aussuchen. Das geht dann so: ich nehm den mitter Waschmaschine, dem Videorecorder, der Chromarganplatte... Wer sich am meisten gemerkt hat, kriegt den Sieger.

Außerdem mußte was mit Kinder machen. Das kommt immer an. Aber bloß nich so'n Pipikram. Da holt man drei Gören mit keine Eltern ausse Entwicklungsländer und läßt die hier um ihre neue Familie spielen. Das is was fürs Gemüt und Wettbewerb in eins. Super is das. Das Siegerkind kommt dann zu Eltern mit ein'm Jahreseinkommen über 400.000, das zweite in eine Arbeiterfamille und das dritte geht wieder zurück.

Gut is auch, wenn de zwei Konfliktgruppen einlädst, die über't Spielen zusammenfinden. Nimmste vier Bullen und vier Chaoten. Dann läßte die Chaoten mit Schaumstoffbälle auffe Bullen werfen, damit die die dann nämlich mit Schmetterlingsnetze auffangen. Für jeden gefangenen Ball gibts denn 1000 Mark füre Russen. So mal als Beispiel, dann biste nämlich auch gesellschaftspolitisch mittenmang.

Außerdem muß man noch immer son Alten, wie den Rühmann einladen, wegen die Einschaltquoten. Denn gucken nämlich alle allein schon weil sie denken, vielleicht isses ja das letzte Mal, so wirklich live, ne.

Und mittem Publikum mußte was machen. Aber nich son Stumpfsinn wie der Gottschalk. Am besten so in der Art: Der große Mut. Da kannste von eim Pharmakonzern irgend'n Virus entwickeln lassen. Dann nimmste dir'n Saalkandidaten, da findste immer ein'n, und impfst dem den Virus rein. Nu müssen drei andere Pharmakonzerne bis zur nächsten Show ein Gegenmittel finden. Wers als Erster findet hat gewonnen, findets keiner, hat der Viruserfinder gesiegt. Da biste echt vorne mit dran am Fortschritt. Und denn mußte noch...

Knoll redete noch eine ganze Weile weiter von Kampfhähnen, Vogelspinnen, Komodowaranen, einem Rekordblutspenden und einem Transplantationswettbewerb. Der Widerspruch im Publikum nahm jedoch mehr und mehr zu, so daß Knoll irgendwann nur noch: Und doch kann ich das besser, schrie.

Das Ende ist bekannt.

Copyright: Horst Evers

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero
Nummer 06
Titelbild
Vorrede
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Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge VIII
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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