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Hans Duschke: Fabrik der Träume

Illustrationen von Gästen der Feierlichkeiten im Haus von Seggern am 20.10.1990

Warum lieben wir eigentlich die alten Hollywood-Filme? Und nicht nur wir, die gesammte gesamtdeutsche Kulturschickeria? Woher die Sehnsucht nach den Romanzen und Abenteuern von Ingrid Bergman und Humphrey Bogart?, und all den anderen Stars, die als lebende Leichen in unsere Stuben und Herzen flimmern?

Es ist die Nostalgie, die Sehnsucht nach der besseren Zeit, einer Zeit, als Männer noch Männer waren und Frauen noch Frauen. Und die Sehnsucht nach dem großen Gefühl.

Durch unsere Stars lernen wir. Lernen durch sie vom Wesen des Mannes und der Frau - und von den Geschlechterbeziehungen. Nicht wie sie sind oder wie sie sein sollten, sondern wie sie sind in unseren Träumen, die vorgefertigt sind wie alles andere.

Damals mußte man noch bezahlen für die Träume, heute brauchen wir nur die Gebühren-Einzugs-Zentrale zu bescheißen, und das Original unserer Phantasie wird frei Haus geliefert. Denn auch der Traum ist eine Ware im Kapitalismus.

Und während es in unseren fortschrittlichen Film- und Fernsehproduktionen immer wieder Szenen gibt, die alles Problematisieren wollen, die sich Emanzipatorisch und Aufklärerisch geben - die sog. Belehrungssequenzen -, ist im alten Hollywood, wo unsere Träume fabriziert werden, noch alles in Ordnung.

Nie gäbe es eine Szene wie die Folgende, die ich jüngst im Fernsehen sah: Er & Sie stehen vor der Wohnungstür. Sie klingelt. Nichts geschieht. Sie klingelt erneut. Keine Reaktion. Da betätigt er den Klingelknopf. Woraufhin Sie ihn fragt: »Meinst Du, daß Du besser klingeln kannst als ich?« Er antwortet nicht (Was soll man da auch drauf sagen). Er zieht nur eine verlegene Schnute. Aber ich sehe, daß Er davon überzeugt ist, daß Er besser klingelt als Sie. Der Chauvinismus ist entlarvt, und nichts ändert sich. Nur die beiden blicken sich an und lachen über seinen Defekt, an dem man ja eh nichts indem kann.

Und im modernen Fernsehen gibt es verlogene Sätze wie: »Eine Arbeitsteilung zwischen Mädchen und Buben gibt es bei uns nicht.«

Nun, von solchem pseudokritischen Geist, von solchen Lügen bleiben wir verschont - im Hollywood-Film.

Denn die Liebe zum alten Hollywood, das ist der Wunsch, einmal noch unbeschwert die alten Geschlechter-Rollen-Klischees konsumieren zu dürfen. Und auch die sog. kritische Intelligenz rettet sich ihr Vergnügen durch ihre leichteste Übung: die ironische Brechung.

Wir lernen mit dem Bauch: Über die Freundschaft zwischen Männern beispielsweise im Western, wo alles klar und deutlich ist. Denn im Gegensatz zu den Frauen können die Männer funktionieren, ohne miteinander zu sprechen:

Die besten Freunde, sie schweigen sich an. Aber wenn's drauf ankommt, rettet der eine dem anderen das Leben.

So lernen wir, uns auszusöhnen mit unserer Behinderung, die uns auferlegt ist, wenn wir echte Männer sein wollen. Und wer will das nicht. Wir lernen, unseren Defekt zu bewundern, bei Robert Mitchum und Gary Cooper. Coolness-Training sozusagen. In einer harten Welt darf man nicht weich sein.

Und wir lernen etwas über die sog. Liebe, oder was man(n) dafür hält (aus einem anderen Genre: der Screw-Ball-Comedy, dem ritualisierten Kampf der Geschlechter).

Denn Liebe ist: Beschützen, Besitzen und Verzeihen. Wobei der Part des Verzeihens im Regelfall der ist, der den Frauen vorbehalten bleibt.

Denn das ist die Erkenntnis der Liebe aus dem Happy-End: Er liebt sie (oder was immer er dafür halten mag), und das, was er ihr angetan hat, mußte sein. Und wenn sie einsieht, daß ihre Erniedrigung und Demütigung zu ihrem Besten war; und ihn voller Dankbarkeit umarmt und küßt: das ist das Happy-End.

Und beim Happy-End wird abgeblend't.

Und es bleibt ihr nur der langwierige Versuch, zu tun, was Herr K. damals vorschlug:

»Was tun Sie«, wurde Herr K. gefragt, »wenn Sie einen Menschen lieben?«

»Ich mache mir einen Entwurf von ihm«, sagte Herr K., »und sorge, daß er ihm ähnlich wird.«

»Wer? Der Entwurf?«

»Nein!« sagte Herr K. »der Mensch.«

Illustrationen von Gästen der Feierlichkeiten im Haus von Seggern am 20.10.1990

Copyright: Hans Duschke

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero
Nummer 06
Titelbild
Vorrede
Bov Bjerg: Berichte aus der Redaktion Kvara Bistoj: Die Salbader.- Worterklärung Hans Duschke: Kackvogel des Monats Andreas Scheffler: So nebenbei Horst Evers: Fernseh? Ich tu's!!! Hans Duschke: Fabrik der Träume Siegfried Löwy: Mehlbeutel des Monats Bov Bjerg: Gallus, der Sekretär E 338: Kennen Sie Cola Andreas Scheffler: Es gibt Momente Siegfried Löwy: Drei Anekdoten Bov Bjerg: Du, der Mann mit dem Horn Heinrich Muoth: Der Rügener Baus Andreas Scheffler: Glück
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge VIII
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