Siegfried Löwy: Mehlbeutel des Monats

Unser Mehlbeutel erklärt, daß er vor allem Häßlichen, insbesondere vor häßlichen Menschen Angst habe. Er gebe offen zu, daß diese seine Angst durchaus auf subjektiven Eindrücken beruhe, von der andere Menschen eine ohne weiteres abweichende Empfindung haben könnten.
Auch gebe es tatsächlich nur sehr wenige in seinem Sinne häßliche Menschen. Viele seien, wenn schon nicht sonders attraktiv, so doch wenigstens interessant zu nennen. Von der traditionellen bürgerlichen Behauptung, so unser Mehlbeutel, daß Männer im Gegensatz zu Frauen nicht "schön" zu sein bräuchten, halte er im übrigen überhaupt nichts. Das Attraktive sei bei jedem Geschlecht wünschenswert, und Gottseidank sei eine soziologische Korrektur in diese Richtung ja auch zu beobachten.
Allerdings seien ihm die Frauen in Bezug auf seine Angst doch näher, und zwar aufgrund sexueller Anfechtungen. Er halte es durchaus für möglich, daß plumpe, unförmige Frauen, mit teigigem Gesicht, Pickeln und strähnigem Haar durch ihre Unansehnlichkeit und die damit verbundene gesellschaftliche Isolation in einen Gemütszustand äußerster sexueller Insuffizienz gerieten, der sie dazu verleite, in einer Affekthandlung über ihn herzufallen.
Bei Konfrontation mit dem rein Geschlechtlichen, so unser Mehlbeutel, sei er nicht sicher, ob es ihm möglich wäre, eine strikte Abwehrhaltung einzunehmen, denn es ist ja bekannt, daß der Mensch zu einem nicht unbeträchtlichen Teil von Instinkten geleitet werde und nicht durch den Verstand. Dieser würde freilich nach dem soeben konstruierten Akt auf der Stelle wieder einsetzen und eine vermutlich tiefe Krise bei ihm auslösen, deren Folgen er nicht übersehen könne.
Nun schätze er es zugegebenermaßen als nicht sehr wahrscheinlich ein, daß diese Situation tatsächlich eintrete, allerdings halte er sich wegen der ihm schon häufig bescheinigten sexuellen Anziehungskraft für besonders gefährdet.
Häufig schon habe er, besonders in Einrichtungen des öffentlichen Nahverkehrs, sich in einer Lage gesehen, die seine Befürchtungen genährt habe. Wenn er in der U-Bahn oder ähnlichem einer der bezeichneten Personen gegenübergesessen und diese ihn unentwegt angestarrt habe, womöglich noch unbewußt die Kiefer mahlend oder an den Wangen leicht zuckend, zuweilen mit nervösen Handbewegungen im Schoß, die auf einen inneren Konflikt hindeuteten, so habe er sich stets außerordentlich unwohl und zuzeiten einer Panik nahe gefühlt, folglich er nicht selten an der nächsten Station ausgestiegen sei.
Unser Mehlbeutel gesteht zu, daß alle diese Überlegungen auch ein Produkt eigener Unzulänglichkeit sein könnten. Könnten. Dessenungeachtet halte er seine Befürchtungen für berechtigt.