Bov Bjerg: Gallus, der Sekretär
oder Die Sippe der Dichter
Der Schiller und der Hegel,
der Uhland und der Hauff,
des isch bei uns die Regel,
des fällt uns gar net auf.(Schwäbischer Volksmund)
Es gibt auf dieser Welt Orte, die auf eigentümliche Weise vom Schicksal verwöhnt scheinen. Am Fuße des Schwäbischen Jura zum Beispiel findet sich ein kleines. eher etwas rückständiges Dörflein, ein Ensemble von Gehöften, Wirtshäusern und einer Fahrbahnverschwenkung am Ortseingang, welchem vergönnt ist, den hübschen Namen Hattenhofen zu tragen.
Für gewöhnlich wird als dieser Gemeinde größter lebender Sohn der Politiker und Agronom Georg Gallus (F.D.P.) gehandelt. der - ungeachtet des vor einigen Jahren von dem württembergischen Pomologen und Bürgerrechtler Helmut Palmer heftig vertretenen Vorwurfs, "der Gallus, der Kulak", melke seine Kühe zu unregelmäßig und lasse das Vieh "mit entzündetem Euter verkommen" - der also trotz dieses Vorwurfs seit eh und je beim Bonner Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Lohn und Brot steht, und zwar als Staatssekretär - "seit Menschengedenken" das höchste von einem Hattenhofener bekleidete politische Amt. Allerdings scheint der liberale Hattenhofener seit eben eh und je karrieremäßig zu stagnieren - schon munkelt man, es sei "beim Genscher" doch etwas von der Kritik an Gallus, die Führung seines Hofes betreffend, hängengeblieben; obendrein müssen wir feststellen, daß er es bislang leider nicht zu über einschlägige Kreise hinausreichender Bekanntheit gebracht hat, und dies trotz des doch eher popularitätsfördernden Stabreims im Namen*. (Helmut Palmer hingegen erlangte im Wahlkreis des Staatssekretärs bei der Bundestagswahl 1982 annähernd zwanzig Prozent der Erststimmen - parteilos und ohne Stabreim! Dies nur nebenbei.)
Wenden wir uns nun, bevor das Wasser uns gar zu heftig in die Augen schießt, von dieser traurigen Gestalt ab und der zugegeben noch weniger bekannten, aber ungleich bedeutenderen größten Tochter Hattenhofens, und zwar, nach Lage der Dinge, aller Zeiten, zu: Johanna Rosina Sutor - die Urgroßmutter Friedrich Hölderlins! Noch heute, etliche Jahre nach des Dichtmeisters Hinscheiden in jenem Turm, dessen Namen er unsterblich machte, und noch viel etlichere Jahre nach seiner Urgroßmutter Tod, noch heute rankt sich um Johanna Sutor die Legende, sie stamme von Regina Bardili ab, der schwäbischen Geistesmutter, der Ahnin Schillers, Schellings, Uhlands, Mörikes, Hauffs und eben auch des so tragisch geendeten Hölderlin. Ob aber ausgerechnet Johanna Sutor (Hattenhofen) diejenige unter den acht Urgroßmüttern des Poetenstars ist, welche das Bindeglied zwischen jenem und Regina, der Urahnin aller dichtenden oder denkenden Schwaben, bildet, dies soll zunächst durchaus im ungewissen bleiben: Die Chancen stehen... - na? Wer's errät oder errechnet, darf dem Verfasser einen Schwabenwitz erzählen.
Die Überschrift dieser kurzen Abhandlung verdanken wir übrigens dem Titel von Franz Kafkas gleichnamiger Erzählung "Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse", von welchem der Prager Gruselkönig uns wissen ließ, er finde "solche Oder-Titel zwar nicht sehr hübsch, aber hier hat es vielleicht besonderen Sinn. Es hat etwas von einer Waage."
*) vgl. die Polemik gegen Gregor Gysi in Salbader 03/1990