E 338: Kennen Sie Cola
von unserem Schöneberger Korrespondenten
Typisch für den Schöneberger ist, daß er Bescheid weiß. Er weiß um den Unterschied zwischen einem Jahr Hölle und hundert Jahren Hölle, er weiß, wann er zu gehen hat, und - vor allem, er weiß um sich selbst. Von jeher war es ihm eine Lust und ein Vergnügen, die Route seines Heimwegs frei zu wählen. Sich der Einzigartigkeit seines Wesens bewußt, besteht er darauf, Anzahl und Reihenfolge der Kneipen, die er aufzusuchen gedenkt, allein zu bestimmen. Der Schöneberger aber weiß auch, was sich gehört: so führt ihn sein Weg trotz einer ans Unüberschaubare reichenden Vielfalt von Schänken und Krügen stets ins Kumpelnest 3000, eine jener Örtlichkeiten Schönebergs, die nicht nur den lokalen Patrioten bekannt sind, sondern weit in die angrenzenden Bezirke hinein rufen. Die angrenzenden Bezirke Schönebergs sind Wilmersdorf, Charlottenburg, Tiergarten, Kreuzberg, Tempelhof und Steglitz, während die angrenzenden Bezirke Steglitz, Zehlendorf, Tempelhof und eben Schöneberg sind.
Viele finden ja, daß Kumpelnest 3000 ein doofer Name ist. Das finde ich nicht. Im Gegenteil: der an den Bergbau gemahnende Kumpel zeigt deutlich den dem Standort angemessenen Respekt, und das Wärme und Schutz bietende Nest ist genau das, was wir in dieser Zeit, in der sich alles ändern zu können scheint, so Bitter Tonic haben, ebenso wie das hoffnungsfroh visionäre 3000.
Das Kumpelnest ist immer voll, man kann sich hier bedenkenlos bis zum Rand vollaufen lassen, da keine Gefahr besteht, umzukippen. Das ist im Kumpelnest gar nicht möglich. Es gibt immer genügend Kumpel, die einem auf den Füßen stehen, und so ist alles geregelt. Gehen kann man freilich auch nicht, weil es eben so voll ist, und weil man dann ja auch umkippen würde. So bleibt man also da und geht nicht heim.
Ich selbst bin manchmal im Kumpelnest, weil ich unter all den schönen Damen, die dort verkehren, doch immer auch die eine oder ändere meiner häßlichen Bekannten antreffe. Das ist dann immer sehr, sehr nett. Einmal, da hab ich der Tina gesagt, an ihrer Stirn, da fehle ein Knopf - bei mir aber würden sie alle fehlen. Reden wir lieber nicht weiter davon.
Denn was bleibt, ist die Frage. Ob Schöneberg noch zu retten ist?
