Bov Bjerg: Du, der Mann mit dem Horn
Du hast geahnt, daß es so enden würde. Du nimmst die Brille ab, reibst dir die Augen und streichst eine Strähne deines schütteren Haares aus der Stirn. Gedankenverloren blickst du aus dem Fenster. Das heißt, du glaubst aus dem Fenster zu blicken, tatsächlich stehst du, der du ohne Augengläser blind bist wie ein Regenwurm, um einiges neben dem Fenster, und deine Augen, keine Armlänge von der Tapete entfernt, suchen Irgendwo am Horizont, Ruhe und Trost. Um dich herum brandet das Chaos, du drohst von nie gekannten Abgründen ungeahnter Leidenschaft verschlungen zu werden DU DRAUFGÄNGER, DESPERADO DU drohst abzustürzen von nie gekannten Höhen der Euphorie und des Glücks. DU TRAGISCHE FIGUR. Die Luft im Zimmer ist nicht zum Atmen und drückt wie ein Schraubstock die Schläfen zusammen. Aus irgendeinem Grunde ist der Fenstergriff verschwunden, das Fenster läßt sich nicht mehr öffnen. Du mußt also hinausgehen, ja, das willst du sowieso DU PRAGMATIKER das wirst du tun.

Hinausgehen, einfach hinausgehen aus diesem stickigen Zimmer an die frische Luft. Du drehst dich weg von der Wand. Die Tür zu finden ist nicht einfach DU, DER ZÄHE schließlich findest du sie, oh der Kopf, findest du sie doch. DU SPÜRHUND. Doch jetzt, jetzt glüht die Stirn, und du glaubst zu spüren, wie eine fette. vermutlich rot, feuerrot, blutrot, Johannisbeeren- oder ketchuprot glänzende Beule sich mitten auf dieser Stirn langsam ausbildet. Und die Tür, so denkst du im Hinausgehn, und die Tür bleibt offen.
Du kommst vom Meer, vom Meer her gehst du tief ins Land hinein. Du schläfst in manchen Nächten, wenn dir deine Beine nicht mehr gehorchen, wenn deine bloßen Füße zu sehr schmerzen: wenn du befürchtest, vor Erschöpfung den falschen Weg zu gehen. Du schläfst jetzt in den Weinbergen, manchmal; meistens aber direkt am Fluß, je näher das Wasser, je lieber. So würdest du wenigstens gleich wach werden, wenn plötzlich in der Nacht dieses monotone Walzen fehlte: wenn der Fluß plötzlich aufhörte zu fließen oder zu sein.
An das Beulenhorn hast du dich gewöhnt, es gehört jetzt zu dir DU, DER GEHÖRNTE nein. das paßt nicht DU, DER MANN MIT DEM HORN. Es ist jetzt so groß wie dein steifes Geschlecht und hat auch, leicht gebogen, die Form. Eigentlich kannst du nicht fehl gehen.
Endlich, du hast zwei Nächte nicht geschlafen. endlich biegst du in ein Seitental und trittst immer wieder in deinen langen Schatten, der vor dir entlang des Flusses liegt. In dieser Nacht legst du dich ganz nahe ans Wasser.
Am nächsten Morgen weißt du, du wirst bald da sein. Würdest du jetzt mit den Menschen reden, mit etwas Mühe könntest du dich ihrer Sprache bedienen, vielleicht würden sie dich für einen der Ihren halten; du weißt nicht, ist es Ehrfurcht oder Ekel, was dich davon abhält, den Mund aufzutun.
Dann siehst du den Kirchturm der Stadt, schlägst dich in die Büsche oder die Böschung, ins Schilf, und polierst dein Horn. Du spuckst auf deine staubigen Schuhe und reibst sie glänzend. Schnellen Schrittes gehst du weiter, du rennst fast, die Knie durchgedrückt und immer einen Fuß auf dem Boden. Hinter einer Flußbiegung erscheint das Stadttor, es verschluckt das Ende der Straße. Du bremst ab und schlenderst DU, MANN, DER ZEIT HAT durchs Tor: Eine Fanfare ertönt, es strömen die Menschen aus den Seitengassen, den Hauseingängen; schon heben dich die ersten auf ihre Schultern: ein Pflaster von Menschenköpfen, Menschenschultern, das wabert und läßt dich hochleben; ein Meer, das dich liebt und das dich vors Rathaus schwemmt. Oben auf der Treppe stehen Gemeinderäte und der Bürgermeister: einer der Büttel führt dich hoch, andere halten das Volk zurück. Die rhythmischen Hochrufe brechen sich an den Häuserwänden und bringen das Rathaus zum Beben. - Der Bürgermeister hebt die Hand: Stille. Ein Diener in Livree reicht ihm ein Band mit einer goldenen Medaille daran oder mit einem Orden. Du senkst den Kopf, der Bürgermeister knotet den Orden ans Horn. Der Jubel der Menschen.